Noch im Juni hatte er sich zur Weltausstellung nach London begeben, und dabei die hervorragendsten englischen Staatsmänner kennen gelernt, und nachdem ihm ein Urlaub bewilligt worden, verließ er das sommerheiße Paris, um den schönen Süden Frankreichs kennen zu lernen.

In dem alten Königsschlosse der Orleans, Chambord, das wie ein Märchenbild mit seinen sonnbeglänzten stillen Hallen und Höfen sich vor ihm auftat, dachte er der versunkenen Herrlichkeit des alten französischen Herrschergeschlechts; vom alten Schlosse von Amboise schaute er mit Entzücken hinaus auf das blühende Gelände an der Loire mit den weißen Schlössern und Landhäusern, den weiten Maisfeldern, den dunklen Kastanienwäldern und den grünen Weinbergen, und durch das Land der Reben, wo an sonnigen Hängen von Margaux, Lafitte, St. Julien, Latour und Armeillac die dunkelglutigen Trauben reifen, streifte er in angenehmer Gesellschaft.

Von Bordeaux fuhr er nach Bayonne durch Fichtenwälder, purpurblühendes Heidekraut und gelben Ginster wie auf einem Blumenteppich, und von dort durch die herrlichste Landschaft nach San Sebastian. Zur Linken erhoben sich die gewaltigen Berge der Pyrenäen, zur Rechten leuchtete der Spiegel des Meeres. Im Fuentarabia betrat er den Boden Spaniens, »des schönen Lands des Weins und der Gesänge«. Steile, enge Gassen, Balkone vor den Fenstern, Schönheit und Schmutz und lustiges Lärmen von tanzenden Weibern auf dem Markte – ein fremdes, neues Bild!

Dann saß er in dem berühmten Seebade Biarritz und schaute aus den Fenstern des Hotel l’Europe hinaus auf die blaue See, wie sie weiß aufschäumte zwischen den Klippen und gegen den Leuchtturm brandete, der in ruhiger Majestät über Meer und Land hinblickte. Und am Strande von Biarritz konnte man wohl auch an schönen Morgen, wenn der Wind kühl und weich zu Lande wehte, ein paar Menschen sehen, denen alle die anderen Badegäste nachschauten, und vor denen sich alle Häupter entblößten: den breitschultrigen, hochgewachsenen preußischen Gesandten mit dem Schlapphut auf dem mächtigen Haupte und ihm zur Rechten den dunkel gekleideten kleinen Mann, der trotz seines Zylinderhutes nicht die Größe des anderen erreichte – Kaiser Napoleon III.

Zu Anfang September war Bismarck in Luchon und bestieg den Col de Venasque. Durch Buchenwälder ging es empor, bis der Schnee begann und wunderliche dunkle Seen aus dem weißen Rahmen und zwischen den bizarren Klippen hervorschauten. Von einer Höhe von 7500 Fuß schaute er hinab ins spanische Land mit seinen Palmen und Kastanien, wie es eingefaßt von der Kette des Maladetta dalag. Unter den Beschauern lag es grün und sonnig, durchgezogen von dem Silberband seiner Flüsse, und im Hintergrunde abgegrenzt von schneestarrenden Gipfeln und bläulichen Gletschern, hinter denen das stolze Aragonien sich ausbreitet.

Eine Fülle von einzig schönen, fremden Bildern prägte sich der Seele des deutschen Mannes ein, aber immer wieder kam ihm dabei der Vergleich mit dem lieben Heimatlande, seinen grünen Bergen und seinem alten, schönen Rhein. Und die Freude war nur halb für ihn, da er sie nicht mit der lieben Frau teilen konnte, der er oft genug seine Grüße nach dem stillen Reinfeld sandte.

Am 15. September traf er in Avignon ein, dem französischen Rom, und hier fand er eine telegraphische Nachricht von größter Wichtigkeit: Sein König berief ihn als Minister nach der Heimat zurück.

Sinnend schritt der ernste Mann durch die herrlichen Gärten des Südens. Seine Seele war voll von den Gedanken an die Zukunft, aber kein Ahnen verkündete ihm noch, welchen Weg er eigentlich gehen, und welche Bahnen er brechen sollte. Nach Frieden stand seine Seele, und durch blutige Kriege sollte er schreiten! Über seinem Haupte rauschten noch die Ölbäume Frankreichs, und er griff empor und brach sich einen Zweig ab, den er sinnend betrachtete.

Und mit dem Ölzweig, dem Symbol des Friedens, zog er in Berlin ein.

Achtes Kapitel.
Der bestgehaßte Mann.