»Ah, da kommt Mischka,« rief lachend Bismarck, einige Damen schrien in augenblicklichem Schrecken auf, aber als sie die zwei possierlichen Kerle näher ansahen, schwand jede Furcht. Es waren zwei junge Bären, die der Hausherr gleichfalls auf der Jagd erbeutet hatte. Die Tiere waren offenbar nicht das erstemal in den Gesellschaftsräumen der preußischen Gesandtschaft. Sie wälzten sich behaglich auf dem Teppich, kletterten sogar auf den Tisch und gingen behutsam darüberhin, und als ein Diener erschien und Erfrischungen servierte, schienen sie zu glauben, daß ihnen ein Genuß zugedacht sei, und sie hefteten sich an die Fersen des Mannes; als er sich nun nicht um sie kümmerte, zwickten sie ihn in die Beine, so daß er Mühe hatte, sich der drolligen braunen Burschen zu erwehren.
So verfloß der Abend in zwangloser Heiterkeit und liebenswürdigem Verkehr.
Auch in Petersburg ließ sich’s leben, und sogar mit einem gewissen Behagen. Die Vormittage gab es wenig zu tun, und sie wurden der Promenade, dem Frühstück und etwaigen Kurvorschriften gewidmet. Der Nachmittag bis fünf Uhr gehörte dem Dienst, der Abend, soweit es möglich war, der Familie. Sonnabend abends nahm Bismarck überdies eine Repetition vor mit seinen Söhnen, die sich dann mit ihren Heften bei ihm einzufinden hatten, und die der Vater in Gegenwart ihres Hauslehrers, des Kandidaten Braune, sehr eingehend examinierte.
Drei Jahre gingen in Petersburg hin, vielfach allerdings durch Reisen im Dienst unterbrochen. Mancher bedeutsamen Fürstenzusammenkunft hatte er mit dem Prinzregenten beizuwohnen, und am 18. Oktober 1861 war er in Königsberg Zeuge der erhebenden Feier der Krönung Wilhelms I., der seinem am 2. Januar verstorbenen Bruder auf dem Throne folgte. Als »Wirklicher Geheimer Rat« kehrte er nach Petersburg zurück, und in seiner Seele leuchteten wie ein herrlicher Stern die Worte nach, welche der neue königliche Herr gesprochen hatte:
»Meine Pflichten für Preußen fallen mit meinen Pflichten für Deutschland zusammen.«
Noch einmal sah er die in Eisesfesseln geschlagene Newa, die verschneiten Paläste des Alexander Newski-Prospektes, die glänzenden Feste des Zarenhofs, und sein einfach-vornehm-gemütliches Haus war die liebliche deutsche Oase im russischen Osten.
Im Mai 1862 war er bereits wieder in Berlin, gewärtig dessen, was sein König über ihn verfügen würde. Es war eine Zeit einer unangenehmen Spannung, und er war nahe daran, in das neugebildete Ministerium berufen zu werden. Aber die Sache blieb in der Schwebe, und Bismarck ritt jeden Morgen mit neuer Ungeduld auf seiner Fuchsstute hinaus in den Tiergarten, sah den Frühling ringsum sich entfalten und Blüten treiben und dachte an seine Lieben, welche indes in dem stillen Pommern weilten. So kam er wieder einmal heimgeritten, und das erste, was man ihm noch im Sattel entgegenreichte, war ein amtliches Schriftstück mit dem bekannten großen Siegel. Er erbrach es und las, daß er zum Gesandten in Paris ernannt sei.
So ging es aus dem Osten nach dem Westen Europas, und noch im Mai traf er in der glänzenden Weltstadt an der Seine ein, wo Napoleon III. sein neues Kaiserreich errichtet hatte und den Plan entwarf, »die Karte von Europa in Ordnung zu bringen.«
Ein freundlicher Frühlingstag lachte über Paris, seinen glänzenden Boulevards und seinen leichtlebigen Menschen, der 1. Juni war’s, und durch die Straßen fuhr die goldglänzende Hofequipage, welche den preußischen Gesandten nach den Tuilerien führte und zur Empfangsaudienz bei dem Kaiser. Dieser war freundlich und entgegenkommend, und auch die Kaiserin zeigte sich von einer liebenswürdigen Seite.
Hier warm zu werden, durfte Bismarck kaum hoffen; er hatte die Empfindung, auf einer Durchgangsstation zu sein, die ihn bald entweder auf den Ministersitz in Berlin oder in das Stilleben des märkischen Landedelmannes führen mußte.