»Da gibt es kein Bedenken, und ich weiß mich der Zustimmung meines königlichen Herrn sicher. Aber warum wollen Sie uns solche Sprünge machen? Sie müssen doch wissen, daß für uns die Abtretung deutscher Erde eine Unmöglichkeit ist. Ließen wir uns zu dergleichen herbei, so hätte wir trotz aller Triumphe Bankerott gemacht. Vielleicht könnte man andere Wege finden, Sie zu befriedigen. Aber wenn Sie auf diesen Forderungen bestehen, so gebrauchen wir – täuschen Sie sich darüber nicht – alle Mittel: Wir rufen nicht bloß die deutsche Nation in ihrer Gesamtheit auf, sondern wir machen auch sofort Frieden mit Österreich auf jede Bedingung hin, überlassen ihm ganz Süddeutschland, lassen uns selbst den Bundestag wieder gefallen. Aber dann gehen wir auch wieder vereinigt mit 800 000 Mann über den Rhein und nehmen Frankreich Elsaß ab. Unsere beiden Armeen sind mobil, die Ihrige ist es nicht; die Konsequenzen denken Sie sich selbst. – Also, wenn Sie nach Paris kommen, so verhüten Sie einen Krieg, welcher sehr leicht verhängnisvoll werden könnte.«

Benedetti senkte das Haupt, er fühlte das Zutreffende dieser Worte, und die Situation begann ihm immer unbehaglicher zu werden. Er erwiderte:

»Ich möchte gern Ihrem Rate folgen, aber mein Gewissen zwingt mich, dem Kaiser zu erklären, daß, wenn er nicht auf der Gebietsabtretung besteht, er mit seiner Dynastie der Gefahr einer Revolution ausgesetzt ist.«

»Machen Sie Ihren Souverän darauf aufmerksam, daß gerade ein aus dieser Frage entsprungener Krieg unter Umständen mit revolutionären Schlägen geführt werden könnte, daß aber gegenüber einer revolutionären Gefahr die deutschen Dynastien sich fester begründet zeigen würden als jene des Kaisers Napoleon.«

Die Uhr zeigte Mitternacht, und noch immer endete das inhaltschwere Gespräch nicht. Erst in der ersten Morgenstunde kam Bismarck in den Salon zu seinen Gästen zurück, heiter und liebenswürdig, denn in tiefster Seele wußte er, daß eine neue Gefahr abgeschlagen sei, daß Frankreich nach seinen bestimmten Erklärungen jetzt nicht wagen würde, das siegreiche Preußen anzugreifen. – – Und er täuschte sich nicht.

Noch der Verlauf des August brachte die Friedensschlüsse mit den süddeutschen Staaten, die auf Seite Österreichs gekämpft hatten, und mit diesem selbst, und in Preußens Hauptstadt erwartete man freudig erregt die Heimkehr der ruhmbedeckten Truppen.

Am 20. September trafen sie ein. Es war ein Festtag für Berlin. Am Brandenburger Tor drängte es von Tausenden, um hier bereits der Begrüßung des Königs durch die Vertreter der Stadt beizuwohnen. Grüne Girlanden schmückten die Säulen, die Fahnen wehten lustig in die Weite, und durch das Tor mit seinen stolzen Bogen kamen die Heldenscharen herein, umjauchzt von der Begeisterung der Menge. Die Straße Unter den Linden war verwandelt in eine herrliche via triumphalis, tausend Flaggen flatterten in den Lüften, tausend Kränze und Festons hingen an den Häusern und den Bäumen, Blumen regnete es von allen Seiten nieder auf die blitzenden Helme, und immer aufs neue brauste der Jubel auf in seinen vollsten, unvergleichlichen Akkorden: wie lauter Donner dröhnte er fort die breite Straße entlang, wo immer die Heldengestalt des greisen Königs erschien und die Gestalten seiner Paladine. Da ritten sie ihm vorauf mit leuchtenden Augen, der stattliche Roon, der ernste, ruhige Moltke und Graf Bismarck. Hochaufgerichtet saß er im Sattel, an der Uniform die Abzeichen als Generalmajor, wozu ihn sein König vor kurzem ernannt hatte, und das orangefarbige Band des hohen Ordens vom Schwarzen Adler über der breiten Brust. Unter dem blinkenden Kürassierhelm hervor blickten die hellen, scharfen Augen, und die gewaltige Erregung dieser Stunde machte, daß er die schwere Erschöpfung und Abspannung niederkämpfte, die den eisernen Mann infolge der letzten Zeit ergriffen hatte.

Aber der Erholung bedurfte er dringend, und er suchte und fand sie an der See, auf dem grünen Eiland von Rügen, wo er in stillem Behagen im Spätherbst jenes ereignisvollen Jahres saß, während in deutschen Landen sein Name von Mund zu Mund ging, während der alte Groll, den man gegen ihn gehegt, weil man ihn nicht verstanden, immer mehr und mehr verschwand. Es galt, zwischen Preußen und den Staaten bis zur Mainlinie, einschließlich von Sachsen, einen Verband zu schaffen zu Schutz und Trutz, zu gemeinsamer innerer Arbeit, und Bismarck hatte die Freude, den konstituierenden Reichstag des Norddeutschen Bundes am 24. Februar 1867 eröffnet zu sehen, der nun den von seinem Schöpfer ausgearbeiteten Verfassungsentwurf beriet. Ihm rief am 11. März der unermüdliche Bismarck zu:

»Arbeiten wir rasch! Setzen wir Deutschland in den Sattel, reiten wird es schon können!«

Am 16. April war die neue Verfassung angenommen, am 1. Juli trat sie ins Leben, und am 14. Juli war Bismarck Kanzler des Norddeutschen Bundes.