Eis. Kanzler IV.
Am Abend der Schlacht von Gravelotte.
Nun konnte er sich eine kleine Rast gönnen auf seinem neuerworbenen Tuskulum Varzin. In Hinterpommern bei dem Städtchen Schlawe liegt das Gut, welches Bismarck mit dem zugehörigen Besitz von Wussow, Puddiger, Misdow, Chomitz und dem Vorwerk Charlottenthal sich ankaufte aus der Ehrengabe, die er nach dem Kriege mit Österreich aus Staatsmitteln erhalten hatte. Es liegt nicht weit von dem freundlichen Reinfeld, wo die Wiege seiner Gattin stand, und hat einen prächtigen Waldbestand, der den Weidmann lockte. Im Frühling 1867, als der Park seinen Blätterschmuck angelegt hatte, und die Wiesen ringsum grünten, hatte er es erworben, und dann war er zum erstenmal hinausgefahren.
Die Eisenbahn führte damals nur bis Schlawe, und hier mußte die Fahrt mittels Extrapost fortgesetzt werden. Er kam mit einem Separatzug angefahren, früher, als man ihn erwartet hatte, und ließ sich nun behaglich auf einer Bank auf dem Perron nieder, brannte sich eine Zigarre an und ließ die friedliche Stille ringsum auf sich wirken. Da näherte sich ihm mit halb scheuer, halb neugieriger Miene ein Mann, seinem Äußeren nach ein biederer, schlichter Handwerker, der ihn grüßte und sich dann einigermaßen verlegen an das Ende der Bank setzte. Er betrachtete eine kleine Weile den ihm Unbekannten, dann fragte er:
»Sie sind wohl der Herr, welcher mit dem Extrazuge gekommen ist?«
»Jawohl,« erwiderte Bismarck, einigermaßen über die Anfrage verwundert, aber gutmütig-jovial fügte er bei: »Wer sind Sie?«
»Ich bin der Schuster N. aus Schlawe – und mit wem habe ich die Ehre?«
»Na, ich bin auch Schuster!«
»I, was Sie da sagen!« sprach beinahe erschrocken der schlichte Mann und sah doch einigermaßen ungläubig nach dem stattlichen Fremden – »und da fahren Sie mit Extrazug?«