»Warum nicht, lieber Freund? Wir Berliner Schuster können uns das bieten.«

Der brave, neugierige Handwerker war eben daran, seine Verwunderung auszudrücken, als eine Abteilung Husaren in Paradeuniform heranritt; man hörte das Kommando des Rittmeisters: »Eskadron halt! Richt’ euch, Augen rechts!« und mit Staunen sah der Schuster, wie der Offizier jetzt an den Fremden heranritt und salutierte. Er sprang beinahe entsetzt von der Bank auf und starrte seinen Nachbar an, als aber jetzt auch die Extrapost heranfuhr mit dem gleichfalls parademäßig herausgeputzten Postillon, reichte Bismarck dem vollständig verlegenen Manne die Hand und sagte lächelnd:

»Wenn Sie einmal nach Berlin kommen, so besuchen Sie meine Werkstatt!«

Dann fuhr er hinein in den Frühlingstag, während die Husaren ihm ihre Honneurs machten, vorbei an Feld und Wiese, durch grünen, rauschenden Wald, durch das hübsche, kleine, bucklige Ländchen, wie es die Gräfin Bismarck scherzend einst bezeichnete, bis die Landstraße hineinführt in das Hof- oder Herrengut. Da liegen ihm zur Linken die Wirtschaftsgebäude, zur Rechten das überaus schlichte, einstöckige Herrenhaus, aber hinter diesem grüßen und winken die Buchen und Eichen des Parkes und rauschen ihm entgegen:

»Willkommen in deinem neuen Heim!«

Zehntes Kapitel.
Mit Blut und Eisen.

Ein herrlicher Sommermorgen ist über Varzin und seinem Parke aufgegangen, ein Julimorgen des Jahres 1870. Die Sonne spiegelt sich in den Fenstern des Herrenhauses, die Rosen blühen und duften in dem Garten, und über die Freitreppe schreitet Graf Bismarck herab. Er trägt eine einfache graue Joppe, ein leicht geschlungenes Tuch um den Hals, auf dem Haupte einen Schlapphut und in der Hand einen kräftigen Stock; gemessen folgt seinen Schritten eine schöne Ulmer Dogge, die ab und zu mit klugen, großen Augen nach ihm hinschaut. Über den knirschenden Kies der Gartenwege schreitet die stattliche Gestalt dahin, vorbei an großen Sandsteinfiguren und an einem kleinen Teiche und dann über eine Terrasse hinauf in den leise rauschenden Park, durch dessen grüne Laubkronen die spielenden Lichter niederhuschen. Jeden Baum sieht das klare Auge an, denn er kennt sie alle, die prächtigen Buchen und Eichen, und selbst den kleinen Nachwuchs. Wie einst der Knabe auf Kniephof, so freut sich jetzt der ernste, gewaltige Mann an jedem Nestchen, das zwischen dem Gezweige hervorlugt, an jedem Vogel, der über ihm singt, an jedem Stämmchen, das sich kräftig entwickelt.

Auf einer Bank hält er Rast. Das treue Tier liegt zu seinen Füßen und blinzelt hinauf nach dem blauen Himmel, sein Herr aber läßt vor seinem Geiste eine Reihe von Bildern vorüberziehen in der einsamen Stille, die ihm selten genug zuteil wird.

Er denkt der vergangenen Tage und all des Großen, was sie gebracht haben, aber er schaut auch aus in eine ernste Zukunft. Der Nachbar im Westen, Kaiser Napoleon III., der sich nicht ganz sicher fühlte auf seinem Thron, suchte nach irgendeiner Verwicklung, die ihm in den Augen der Franzosen Ruhm und Ansehen verleihen sollte. Er war bereits bestrebt gewesen, das Großherzogtum Luxemburg zu annektieren, das zum ehemaligen deutschen Bunde gehörte, aber Bismarck hatte erreicht, daß das Ländchen als neutrales Gebiet erklärt wurde, und Frankreich mußte die Finger davon lassen. Immer unbehaglicher wurde für Napoleon das wachsende Ansehen Preußens, und immer mehr drängte die Stimmung des französischen Volkes zu einer Demütigung desselben.

Da schien sich eine besonders günstige Gelegenheit zu bieten. Spanien hatte seinen eben erledigten Thron dem Prinzen Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen angeboten, der mit Napoleon selbst verwandt war. Trotzdem hatte man in Frankreich erklärt, daß die Wahl eines Hohenzollern eine Schädigung seiner Interessen, ja, geradezu eine Herausforderung bedeuten würde, und hatte an König Wilhelm die Forderung gestellt, er solle dem Prinzen von Hohenzollern befehlen, sich der Bewerbung um den spanischen Thron zu enthalten. Der König hatte Benedetti in Ems erklärt, daß er dem Prinzen nichts zu befehlen habe.