Eine halbe Stunde später war es still in dem ganzen weitläufigen Gebäude, und nur aus den Schlafsälen flimmerte der müde Schein der Nachtlampen durch die Fenster.
Drei Tage später ging Hoven mit Haug wieder unter den Bäumen des Gartens hin und sagte: »Also heute abend um die zehnte Stunde im Krankensaale.«
»Hm, also deshalb ist Schiller unwohl gemeldet – ich merke! – Gut, ich komme!«
»Aber mit aller Heimlichkeit und Vorsicht. Und dort hast du erst ein Versprechen noch auf Ehrenwort zu geben, ehe du in die ›Bande‹ eintreten kannst.«
»Aber, sage doch ums Himmels willen – was heißt das: die ›Bande‹?«
»Ich darf dir wohl soviel verraten, nachdem Schiller einverstanden ist: Er schreibt ein Spektakelstück ›Die Räuber‹, ich sage dir, Haug, daß es einem die Seele aufwühlt in den tiefsten Tiefen. So etwas von Kraft und Schwung und Handlung ist noch nicht dagewesen, und wenn's erst einmal ans Licht kommt, dann sollst du sehen, wie das ganze deutsche Publikum Mund und Ohren drüber aufsperren wird. Hei, wie der von Freiheit zu reden weiß – man sieht förmlich das Feuer aufleuchten, das in seiner Seele lodert – und wir, seine Freunde, sehen es werden, Stück um Stück, und heute wird er wieder einige Szenen uns bieten. Es ist ein Hochgenuß, Haug!«
»Und das ist die Geschichte aus dem ›Schwäbischen Magazin‹ von den beiden Brüdern?«
»Ja, aber es ist etwas ganz anderes draus geworden. Karl ist dir ein Bursche, der Welt und Himmel zusammenschmeißen kann. Schiller hat ihn, da sein Vater ihn um seines Bruders willen verstoßen hat, Räuber und Anführer einer Bande werden lassen; aber ich sage dir, kein Räuber wie die landläufigen Banditen, sondern einer, der sich die Aufgabe gestellt hat, die Mängel der Gerechtigkeit auszugleichen, den Reichen und Schlechten zu nehmen und den Armen und Guten zu geben, ein Kerl, aus dem besten Holze geschnitzt, dem man gut sein muß, wie jeder aus seiner Bande. Sein Bruder aber – Franz heißt die Kanaille – ist ein Bösewicht bis ins Mark der Knochen, läßt seinen eigenen alten Vater in einen Hungerturm sperren und gefangen halten, um sein Erbteil früher zu bekommen. Da sitzt nun der Alte – und so weit sind wir – und heute gibt's mehr. – Wir leben in dem Stücke, und darum nennen wir uns selbst die Bande, und Schiller ist unser Hauptmann.«
»Mich habt ihr, wenn ihr mich brauchen könnt – ich schwöre zu euch!«
»Gut dann, also heute abend um zehn Uhr.«