»Gewiß, ich habe selber einen Neffen dabei, Heideloff, der auch in der Kunst der Malerei sich versucht; sehen Sie, es ist der dritte von Schiller rechts aufwärts.«
»Ja, welcher ist Schiller, werter Herr?«
»Ach, Sie kennen auch Schiller nicht, den alle jetzt schon für einen guten Dichter halten; auch mein Freund, Professor Haug, hat ihn recht gelobt im ›Schwäbischen Magazin‹. Das ist der mit der Adlernase und dem rötlichen Haar, mit dem Serenissimus soeben gesprochen haben.«
Der junge Mann fuhr lebhaft auf: »Also Schiller heißt dieser?«
»Ja, sein Vater war Feldscher; aber Durchlaucht haben an dem anstelligen Manne Wohlgefallen gefunden, ihn zum Offizier gemacht und zum Garteninspektor in der Solitüde; seine Frau ist eine geborene Kodweiß, eine Wirtstochter aus dem kleinen Orte Marbach. Der Junge sollte einmal Pastor werden; aber als Serenissimus die Karlsschule stiftete und Schüler suchte zumeist in Offizierskreisen, da wurde auch Schiller aufgefordert, seinen Sohn in die Schule zu geben. Er mußte es als besonderen Huldbeweis ansehen, wenn es ihm vielleicht auch nicht angenehm war, und da es im Lehrplan der Karlsschule keine Gottesgelahrtheit gibt, hat der junge Schiller anfangs Rechtsgelehrsamkeit und später das Studium der Medizin ergriffen; aber die Hauptsache scheint ihm die Verskunst zu sein, wenn ich meinem Neffen glauben darf, der mir oft wunderliche Andeutungen macht. – Haben Sie auch jemanden in der Karlsschule?«
»Nein; aber ich interessiere mich besonders für die musikalischen Bestrebungen in derselben. Mein Name ist Andreas Streicher, und ich bin selber Musiker und Tonsetzer.« – –
Im Saale unten ward die Tafel aufgehoben. Man sah Schiller zu seinem Vater treten und lebhaft mit ihm sprechen, dann blickte er herauf nach der Galerie und nickte dem Vetter Heideloffs zu. Nicht lange darauf erschien er selber, um ihn zu begrüßen und dessen Glückwünsche entgegenzunehmen. Streicher stand in der Nähe, und der alte Herr nahm die Gelegenheit wahr, ihn vorzustellen. Schiller sah mit hellen, großen Augen dem andern ins Gesicht, dann reichte er ihm die Hand: »Sie haben einen ehrlichen Blick – das liebe ich!« sagte er.
Streicher aber erwiderte: »Mein Blick hat sich an dem Ihren entzündet, und wenn es wahr ist, daß oft ein Augenblick über ein lebenslanges Empfinden entscheidet, so sage ich Ihnen nur das: Wenn Sie einmal einer rechten Freundestat bedürfen, so lassen Sie mir den Vorzug, dieselbe zu tun!«
Verwundert sah Schiller den jungen Mann an, dessen Wange erglühte, und er erwiderte: »Gute Freunde sind selten, und ich will Ihr Wort merken. Auch ich hoffe, wir haben uns heute nicht zum letztenmal gesehen und gesprochen. Ich behalte Sie im Andenken.«