Noch einmal gab er Streicher die Hand, dann ging er weiter zu einem anderen Bekannten; der junge Musiker aber stand und sah ihm noch lange mit leuchtenden Augen nach.

Die Idee der Ausführung des Goetheschen Trauerspiels »Clavigo« verließ Schiller nicht, und schon am nächsten Tage ging er als anerkannter Theaterdirektor im Kreise der Karlsschüler an seine Tätigkeit. Die Rollen wurden verteilt, und es begann ein eifriges Lernen. Der Herzog selbst, der von der Sache unterrichtet war, sah der Aufführung mit Spannung entgegen, und an seinem Geburtstage – es war der 11. Februar – fand sich denn auch ein auserlesenes Publikum in der Karlsschule zusammen. Im Rangiersaale war die Bühne aufgeschlagen. Vor derselben standen die Polstersitze für den Herzog und seine Gemahlin, und Staatsmänner und hohe Offiziere nahmen die anderen Plätze ein. Auch der Kommandant des Hohenasperg, des württembergschen Staatsgefängnisses, Oberst Rieger, war zugegen.

Das Spiel begann, und Schiller agierte mit Feuer und Leidenschaft, deklamierte mit seiner in der Erregung hohen und beinahe kreischenden Stimme, aber die Bewegungen seiner hohen Gestalt waren schlenkerig und wenig anmutig, und der Herzog begann immer bedenklicher den Kopf zu schütteln. Endlich rief er lustig lachend mitten ins Spiel hinein: »Das ist ein Hampelmann, aber kein Clavigo!«

Und nachdem Serenissimus erst gleichsam das Zeichen und die Erlaubnis gegeben, brach das verhaltene Lachen auch bei den andern hervor. Schiller ward es unbehaglich; aber er hielt tapfer aus, nur als zuletzt der Vorhang gefallen war, stand er einige Augenblicke finster, starr, fast trotzig, so daß seine Genossen ihm auswichen. Dann schüttelte er sich wie einer, der etwas Unbehagliches abwirft, und sagte zu Hoven, der in seiner Nähe war: »Und wir haben doch den ›Clavigo‹ gespielt und keine französische Komödie.«

Jetzt erschien der Herzog selbst auf der Bühne hinter dem niedergelassenen Vorhang und trat auf Schiller zu: »Sage Er mir in Kuckucks Namen, wie Er dazu kommt, Komödie zu spielen? Er wirft ja seine Gliedmaßen, als ob Er sie aus den Gelenken werfen wollte. Wo zum Geier hat Er einen solchen Spanier gesehen wie seinen ›Clavigo‹? Und dann schreit und kreischt Er zu sehr und kommt aus dem Affekt gar nicht heraus.«

»Halten zu Gnaden, Durchlaucht, – man darf sich doch ein hohes Ziel auch dann stecken, wenn man mit seinen Kräften dahinter zurückbleibt.«

»Das ist's – da hat Er seine Selbstüberhebung; vor nichts Respekt! Sieht Er, wie notwendig es ist, daß Er noch ein Jahr unter der Zucht der Akademie bleibt? – Selbsterkenntnis und Selbstbeherrschung – das ist das Wahre; die tollen Feuerköpfe, die alles besser wissen und alles selber machen wollen, zerschellen an den Mauern, die – dem Himmel sei Dank – von der Autorität gezogen sind! – Na, nehm' Er sich's nicht zu Herzen, Er ist sonst ein braver, brauchbarer Mensch, aus dem dermaleinst noch etwas Rechtes werden wird.«

Der Herzog ging weiter, in Schillers Seele aber überwog wieder die alte Bitterkeit, die ihn manchmal schon während seines Aufenthalts in der Karlsschule erfaßt hatte; er hatte die Empfindung, als ob sein Geist sich erheben und fliegen wolle, und als ob er von den kalten, strengen Satzungen der Schule und von den Verfügungen des Herzogs immer wieder heruntergezogen würde. Da tat es ihm not, daß er das, was in seiner Seele brannte, aussprechen konnte, und er flüchtete sich in sein innerstes Heiligtum, zur Poesie, und ließ seine »Räuber« reden, was er selbst nicht sagen durfte. In jenen Tagen schrieb er eifriger als vorher an seinem Werke, das fertiggestellt werden mußte, ehe er die Karlsschule verließ.

Und er vollendete es; auf einem Spaziergang, in einem versteckten Waldwinkel, fand er Gelegenheit, den Freunden den Abschluß vorzutragen, und alle waren durchdrungen von Begeisterung für den Genius, welchen das Geschick unter sie gestellt hatte, und auf dessen Freundschaft sie stolz waren.

»Daß doch bald die ganze Welt widerhallte von dem Donnerton solcher Worte!« rief Petersen begeistert, und Heideloff fügte bei: »Wenn sie nur erst den Leitern der Karlsschule in die Ohren klängen und ihnen die Herzen erzittern machten vor dem Geisteshauch einer kommenden bessern, freien Zeit!«