»So schlimm ist's noch nicht, – – auch würden mir die Mittel fehlen zur Flucht.«
»Was mein ist, ist auch dein. Hast du vergessen, daß ich dich einst bat, mir den Vorzug zu lassen, wenn du einen Freundesdienst brauchst? – Mein kleiner Besitz, meine ganze Person, sie stehen dir zur Verfügung, – nur versäume die rechte Stunde nicht.«
»Ich danke dir, Andreas, und will dir's nicht vergessen. Wir wollen den Gedanken im Auge behalten, und ist's soweit, dann komm' ich zu dir.«
Sie standen vor der Wohnung Schillers, drückten sich noch einmal warm die Hände, und dann schieden sie. Der Schritt Streichers verhallte in der stillen Gasse; der Dichter selbst aber ging noch eine Weile unruhig in dem engen, dumpfigen Gemache auf und nieder. Kapf, sein Stubengenosse, war nicht daheim, nichts störte ihn in seinen Gedanken, und die waren nicht bei Herzog Karl Eugen, auch nicht mehr bei seiner Flucht, sondern bei dem neuen Werke, dem »Fiesko«. Die ganze Welt versank dem schaffenden Geiste, den keine Drohung, kein Zwang hindern konnte, die Schwingen auszubreiten und sich zu erheben über die engen Schranken der Alltagswelt. – –
Der Mai war ins Land gekommen und hatte seinen Blütenschimmer weithin ausgestreut. Im herzoglichen Lustgarten unter den leuchtenden Bäumen spazierte Schiller mit Frau von Wolzogen und Frau Laura Vischer. Die beiden waren erfüllt von wärmster Teilnahme für ihn und für sein Schicksal, und beide hatten den Glauben, daß er zu Großem bestimmt sei. Frau von Wolzogen hatte durch Bekannte in Mannheim den Erfolg der »Räuber« schildern hören, und es erfaßte sie geradezu eine Sehnsucht, das Stück selbst zu sehen. Das war es, was sie nun aussprach, und Frau Vischer stimmte ihr lebhaft bei.
»Was den Genuß freilich noch mehr erhöhen würde, wäre, es mit Schiller zusammen zu sehen,« sagte die Hauptmannswitwe, und das Wort fiel wie ein zündender Funke in die Seele des Dichters. Nur zu gern hätte er selbst sein Werk noch einmal auf den Brettern geschaut, aber er hatte den Gedanken daran niedergekämpft; jetzt aber, in den Maitagen, in welchen das Herz zu kühnerem Wagen geneigt und von sonnigen Hoffnungen mehr erfüllt ist, kam er wieder.
»Ja, wenn ich es wagen dürfte! – Wie gerne ginge ich mit Ihnen, meine Freundinnen, nach meinem Eldorado, wie wollte ich doppelt genießen in Ihrem Genusse, und den Eindruck meines Werkes sich widerspiegeln sehen in zwei so lieben Seelen –; aber Sie wissen, über mir hängt ein Damoklesschwert …«
»Wissen Sie auch, daß Durchlaucht demnächst auf einige Zeit verreist?« fragte Frau von Wolzogen, und Schiller horchte hoch auf.
»Wenn das ist, wäre viel gewonnen … Und die Fahrt nach Mannheim hätte für mich vielleicht den Vorteil, mir meinen ferneren Weg zu ebnen, ich könnte mit Herrn von Dalberg persönlich verhandeln … Wohl, ich will's zum guten Zeichen nehmen, daß Sie mich begleiten wollen! Seien Sie mir die schützenden Genien, meine Freundinnen! Ich will es wagen!«
Er reichte den beiden die Hände, die sie herzlich erfaßten, und langsam schritten alle drei weiter.