In den nächsten Tagen verreiste der Herzog wirklich. Sogleich schrieb Schiller einen Brief an Dalberg, in welchem er ihm sein Verlangen vortrug, sein Stück noch einmal zu sehen, und er wolle die Abwesenheit seines Landesherrn benutzen, um mit einigen Damen, welche begierig seien, die »Räuber« auf der Mannheimer Bühne an sich vorübergehen zu lassen, dahin zu kommen.
Der Intendant kam bereitwillig seinem Wunsche wegen der Aufführung entgegen, und nachdem Schiller sich bei seinem Vorgesetzten, dem Leibmedikus Elwert, hatte krank melden lassen, sich außerdem aber bei dem Obersten von Rau, der ihm wohlwollend war, einen Urlaub erwirkt hatte gegen das Versprechen, ihn bei einer etwaigen Entdeckung aus dem Spiele zu lassen, fuhr an einem schönen Maiennachmittag ein viersitziger Wagen, in welchem der Dichter mit seinen beiden Freundinnen saß, zum Tor von Stuttgart hinaus.
Es war eine herrliche Fahrt durch das frühlingsschöne Württemberger Land; freundliche, kleine Städte, friedliche Dörfer waren hineingebettet zwischen Wald und Anger, und fernher blaute die Kette der Vogesen. Die Seele des Dichters nahm einen freieren Flug; der Mund strömte ihm über, und die Teilnehmer der Fahrt freuten sich seiner lebhaften, warmen Beredsamkeit und wurden selbst angenehm erregt. Es waren schöne Stunden!
Schönere noch waren es, als sie nebeneinander in der Loge des Theaters saßen und nun am Auge vorüberziehen, am Ohre vorüberrauschen ließen, was Schiller geschaffen. Der Eindruck des Werkes war bei den Frauen ein tiefer, und in aufwallendem Enthusiasmus wollte Frau Vischer die Hand des Dichters küssen, die so Herrliches geschrieben hatte, während auch Frau von Wolzogen, der älteren Dame, die Wangen brannten und die Augen leuchteten. Sie sprach tiefbewegt: »Schiller, ich danke Ihnen für diese erhebenden Stunden und will sie nie vergessen. Was müßten Sie erst schaffen mit dem vollen Fluge des Geistes, wenn dies Werk in den Fesseln entstand! Schiller, wenn Sie einmal eine Zufluchtstätte brauchen, erinnern Sie sich, daß ich im Meiningschen ein kleines, stilles Asyl habe im Dorfe Bauerbach; das biete ich Ihnen an als Zufluchtsort, wenn Sie nicht wissen, wohin Sie sich wenden sollen, und es soll mir zur Freude gereichen, wenn dies schlichte Fleckchen Erde die Weihe Ihres Genius erhält.«
»Ich danke Ihnen, verehrte Frau, und vielleicht früher, als Sie meinen, kann die Stunde kommen, da ich Gebrauch machen muß von Ihrer Güte.«
»Sie sind zu jeder Zeit willkommen!«
Dies Gespräch erfüllte den Dichter mit Ruhe und Zuversicht, und in solcher Stimmung erbat er sich eine Besprechung mit dem Freiherrn von Dalberg, um diesem seine Not in der Heimat zu klagen und ihm sein Schicksal ans Herz zu legen. Der Intendant empfing ihn freundlich und zuvorkommend und hörte ihn scheinbar mit ruhiger Teilnahme an, da er von der Verfügung des Herzogs Karl Eugen berichtete und von dem Drange seines Herzens. Schiller sprach warm und herzlich, wie zu einem Freunde, denn ihn ermunterte der wohlwollende Blick des andern. Er schloß: »Ich lege mein Geschick vertrauensvoll in Ihre Hände, und ich weiß nicht, an wen ich mich besser wenden könnte. Sie haben mir den Weg des Ruhms geöffnet und mir ein großes Ziel gezeigt; ziehen Sie Ihre Hände nicht von mir ab, damit meine heiße Seele nicht erstarren muß unter einem kalten und verhaßten Zwange. Ihre Großmut und Ihr Scharfblick werden die Stelle finden, die ich auszufüllen vermag im Dienste der Kunst, der – das fühle ich – mein Leben gehört.«
Dalberg war bewegt. Er reichte Schiller die Hand und erwiderte: »Was ich tun kann für Sie, will ich gern tun. Die Art, Sie hier in Mannheim zu employieren, dürfte keine Schwierigkeiten bieten, wenn wir Sie nur erst einmal aus dem Württembergischen herüber hätten. So glatt wird das mit Ihrer Durchlaucht nicht gehen, der uns einen seiner Karlsschüler und wohlbestallten Regimentsmedikus nicht ohne weiteres überlassen wird. Hier heißt es in Geduld abwarten und nicht den Mut verlieren. Ich behalte Ihre Sache im Auge.«
Schiller ging, aber er war nicht befriedigt. Das waren halbe Zusicherungen, und er brauchte – das fühlte er – eine rasche, rettende Tat. Mit einiger Verstimmung bestieg er wieder den Wagen, um gegen Stuttgart zurückzufahren. Er war einsilbig, so sehr auch die Freunde sich bemühten, ihn aufzuheitern, und da er an das Tor der Residenz herankam, sagte er niedergeschlagen: »Da geht's wieder zurück in den Käfig. Es ist, als ob mir der Gedanke auf alle Glieder geschlagen wäre, und mein Körper ist wie Blei, meine Pulse brennen – ich glaube, ich habe Fieber.«