»So ist Er einfach mit einem Paar Weibsleuten durchgebrannt. Ist das Subordination? Ist das Achtung vor seinem Landesherrn? Und den Rau werde ich mir auch zur Rechenschaft ziehen – –«
»Ich bitte untertänigst, Durchlaucht – Oberst von Rau hat von einem Urlaub nichts wissen wollen – ich wäre ein Schurke, wenn ich anderes behauptete –«
»Mag sein, ich will's vom Rau glauben; – aber das vergrößert nur seine eigene Schuld. Himmelelement, wohin soll's denn kommen, wenn schon ein simpler Medikus glaubt, unsere Befehle mit Füßen treten zu dürfen – –«
»Halten zu Gnaden – –«
»Still! Kein Wort! Er hat meine Befehle mit Füßen getreten und verdiente eigentlich die Kassation und den Hohenasperg dazu, ich will's aber noch einmal glimpflich mit Ihm machen, obwohl Er ein Deserteur, ein Filou ist. Gehe Er auf die Hauptwache und melde Er sich zu einem vierzehntägigen Arrest – damit mag's vorläufig abgetan sein; aber das sage ich Ihm, so wie ich der Herzog von Württemberg bin, wenn Er seinen Verkehr mit dem Auslande fortsetzt, oder wenn Er etwas anderes als Medizinisches schreibt, so setze ich Ihn hinter Schloß und Riegel in ein Loch, wo weder Sonne noch Mond Ihm hineinscheinen soll.«
Schiller überlief ein Schauer, er dachte an den armen Schubart; ein bittend Wort wollte sich über seine Lippen drängen, aber er preßte es hinab und dankte für die gnädige Strafe.
Nun ging er nach der Hauptwache und gab seinen Degen ab, und gleich darauf befand er sich in einer engen, unfreundlichen Zelle, durch deren Gitterfenster nur ein schmaler Streifen des Sonnenlichts hereingrüßte. Seine Seele war voll unsäglicher Bitterkeit. Was sollte nun werden? – Er fühlte nur das eine, daß er niemals dem Befehl des Herzogs sich unterwerfen könne, daß er darüber zugrunde gehen müßte. In dem schmalen Raume schritt er auf und nieder, und wiederum mußte er an den Gefangenen von Hohenasperg denken, dessen ganzes Verbrechen ja auch nur in dem freien Aufflug seines Geistes bestand, und wieder kam ihm der Gedanke an Flucht.
Aber mitten in alle Trübsal und Verstimmung hinein traten ihm die Gestalten seines »Fiesko«; dieses Werk mußte fertiggestellt sein, wenn er nach Mannheim wollte, es mußte ihm die Brücke schlagen helfen zur Freiheit, und während alles still um ihn war – nur der Schritt der Wache klang an sein Ohr –, schuf sein Geist unermüdlich, und außer dem »Fiesko« erwachten noch neue Pläne, und so waren auch diese vierzehn Tage der Haft für ihn keine verlorenen.
Sobald er seinen Degen wieder erhalten hatte, begab er sich zu Streicher. Der empfing ihn herzlich und mit Tränen in den Augen, wie einen Märtyrer. Schiller aber lächelte und war vergnügt. Die Freunde, denen die Mutter Streichers sich gesellte, die, was das Haus zu bieten vermochte, herbeigeschafft hatte, saßen lange beisammen und besprachen, was nun werden sollte. Endlich waren sie darin einig, daß Schiller einerseits einen dringenden Brief an Dalberg schreiben sollte, um diesen zu rascherem Eingreifen in den Gang seines Schicksals zu veranlassen, andererseits aber versuchen sollte, durch eine Eingabe an den Herzog diesen zur Zurücknahme seiner Verfügungen zu veranlassen.
Der Brief an Dalberg ward geschrieben. In herzbeweglicher Weise schilderte der Dichter die Verhältnisse, erzählte von seinem Arrest, sowie von den Befehlen des Herzogs und flehte den Intendanten unter Hinweis darauf, daß er seinen »Fiesko« bald beendet haben werde und bereits mit einer neuen Arbeit, dem »Don Carlos«, umgehe, dringend um sein hilfreiches Eingreifen an.