»Für uns, – für den Vater, – er kann seine Stellung verlieren.«

»Dem Vater muß es verborgen bleiben; er muß, wenn die Flucht geglückt ist, dem Herzog sein Ehrenwort geben können, daß er nicht darum gewußt hat!«

Schiller zog die Schwester an sich und küßte sie auf die Wange.

Auch die Mutter begann bei dem Zureden der Freundin und der Tochter sich zu beruhigen; auch sie hatte ja ein Verständnis für das Wesen ihres Sohnes und konnte sich der Erkenntnis nicht verschließen, daß unter den vorliegenden Umständen in der Flucht die einzige Befreiung lag. Sie selbst war es, welche jetzt auf einen geeigneten Zeitpunkt aufmerksam machte, wenn es schon sein müßte. Der Hof erwartete hohe Gäste aus Rußland, den Großfürsten Paul und seine Gemahlin, eine Nichte des Herzogs Karl Eugen. Schon jetzt – es war zu Anfang August – war auf den Schlössern und in den Gärten von Stuttgart, Ludwigsburg, Hohenheim eine regere Tätigkeit, und überall wurden umfassende Vorbereitungen zu einem glänzenden Empfange getroffen, um so mehr, als auch eine große Anzahl benachbarter Fürsten gleichzeitig zum Besuche einzutreffen gedachte.

In die erste Hälfte des September sollten die großen Hoffeste fallen, welche die allgemeine Aufmerksamkeit so vollständig in Anspruch nehmen würden, daß sich dabei am leichtesten die Gelegenheit zur Flucht finden würde.

Das leuchtete auch Schiller, ebenso wie den Frauen ein, und mit freierer Seele verließ er die Solitüde in dem Bewußtsein, daß, was auch kommen möge, er nie ganz allein und verlassen sein, daß er mitfühlende Seelen und helfende Hände finden würde.

Mit erneuter Schaffenslust ging er an den »Fiesko«; oft brannte seine Lampe bis tief in die Nacht hinein, und mit brennenden Augenlidern schrieb er, und wie er einst in der Karlsschule dem Kreise der Genossen vorgelesen hatte, was er geschaffen, so war es jetzt der treue Streicher, der mit innigster Teilnahme das Werden und Wachsen des neuen Werkes verfolgte und mit seinem aufrichtigen Beifall nicht kargte.

In den ersten Septembertagen ward es in Stuttgart belebter als sonst. Man sah glänzende Hofequipagen mit reichgalonnierten Dienern durch die Straßen fahren, fremde Fürstlichkeiten hielten mit pomphaftem Empfang ihren Einzug, zahlreiche Fremde strömten von nah und fern herbei, um den vielen Schauspielen, die geplant waren, beizuwohnen, nur Schiller saß zurückgezogen in seiner stillen Klause. Er hatte sich noch einmal, ehe er den äußersten Schritt wagen wollte, an den Herzog gewendet mit der inständigen Bitte um Aufhebung der harten Verbote. Bald darauf hatte der General Augé ihn zu sich rufen lassen und ihm ziemlich strenge mitgeteilt, daß Durchlaucht verfügt hätten, der Regimentsmedikus Schiller habe sich aller Eingaben an ihn zu enthalten bei Strafe strengen Arrests.