»Nicht so ganz; ich habe den Blick auch auf das Praktische gerichtet und sehe manches, was du nicht siehst. Was gilt's, du hast es nicht gesehen und weißt es nicht, daß unter den Fremden auch Herr von Dalberg nach Stuttgart gekommen ist.«
Schiller fuhr empor von seinem Sitze: »Wie, Dalberg hier? – Sollte er darum mir nicht geantwortet haben, weil er gedachte, mich persönlich hier zu treffen, mir mündlich Bescheid zu sagen? – Andreas, das Wort läßt neue Hoffnungen in mir erwachen. Vielleicht will er selbst beim Herzog eine Fürsprache für mich einlegen?«
»Hoffe nicht zuviel, Friedrich! Dalberg ist ein vorsichtiger Hofmann, der sich nicht leicht die Finger verbrennt um einen, der in Mißgunst gefallen ist; auch glaube ich nicht, daß seine Fürsprache viel nützen werde, du kennst ja unsere Durchlaucht!«
»Aber sprechen muß ich ihn, sobald als möglich!« –
Schon am andern Tage suchte er Dalberg auf. Dieser empfing ihn ohne Überraschung, freundlich und höflich wie immer; scheinbar teilnehmend hörte er Schiller an, der seine bedrängte Lage schilderte, ohne die Absicht seiner Flucht zu verraten, und ihn endlich dringend bat, eine Wendung in seinem Schicksal herbeiführen zu helfen.
Der Intendant versicherte ihn aufs neue seines Wohlwollens, seiner Bereitwilligkeit, ihm beizustehen, hatte auch wieder warme Worte des Lobes für seinen Genius; aber glatt und gewandt wußte er den eigentlichen Kernpunkt der Sache zu umgehen und hielt seine Bedenken aufrecht, wie man Schiller aus württembergischen Diensten losmachen könnte. Er verabschiedete seinen Besucher mit Freundlichkeit; Schiller aber kehrte ziemlich verstimmt zu dem daheim seiner harrenden Streicher zurück.
»Ich habe eigentlich nichts anderes erwartet,« sagte dieser; »denn sieh, selbst wenn er noch so wohl es mit dir meint, er kann dir nichts bieten, solange du württembergischer Regimentsmedikus und nicht in Mannheim bist; zur Flucht kann er von seinem Standpunkte aus ebenfalls nicht raten. Aber bist du einmal in Mannheim, dann wird er wohl mit der Tatsache rechnen –«
»Und der ›Fiesko‹ fällt wohl auch ins Gewicht,« sprach Schiller mit auflebender Hoffnung; »ich meine, Gutes geschaffen zu haben, ja Besseres als in den ›Räubern‹; denn meine Anschauungen von Freiheit haben sich geläutert, und der wilde Sturm und Drang meiner Seele hat ausgetobt. Meine ›Räuber‹ mögen untergehen, mein ›Fiesko‹ soll bleiben. Ja, Freund, nun erst ist die Flucht mir beschlossene Sache.«
»Und die Vorbereitungen dazu überlasse mir; möge ein guter Stern mit uns sein!«