»Hat jeder die seine,« replizierte der Getadelte; Schiller aber wandte sich zu Haug: »Sag' Er, Haug, kann Er ein Epigramm auf den Säufer aus dem Ärmel schütteln?«

Haug, der bisher schweigend sitzen geblieben war, stand auf, trat einen Schritt vor und deklamierte mit leichtem Pathos:

»Er hat zu seinem Symbolum
Das Wort sich aus der Passion
›Mich dürstet!‹ ausersehen,
Und hält nach eig'nen Proben
Den Vers für unterschoben:
›Laß diesen Kelch vorübergeh'n!‹«

»Bravo!« sagte Schiller und reichte dem jungen Poeten die Hand; die beiden andern aber lachten laut und herzlich. In diesem Augenblick kam eine etwas wunderliche Figur heran. Ein kurzer, schwerer Körper in dem blauen Futteral der Uniform, auf dem dicken Haupte, von welchem ein Zöpfchen auf den Rücken niederbaumelte, den üblichen dreispitzigen Hut, ein rotes Gesicht, das mit seinen kleinen scharfen Augen, die wie zwei Rosinen aus einem Butterteig hervorschauten, unwillkürlich den Humor weckte, – das war der Oberinspektor Nieß, gefürchtet um seiner Strenge und doch die Zielscheibe heimlicher Witzeleien und Neckereien. Mit kurzen, raschen Schritten kam er angestapft und pflanzte sich vor den Vieren auf, die in militärischer Haltung sich erhoben und stillstanden.

Mit ungewöhnlich lauter Stimme, die fast im Widerspruch zu dem kleinen Körper stand, sagte er: »Sticht euch der Hafer? War das Mittagsbrot zu üppig, oder was ist's sonst, daß solch lauter Ausbruch der Heiterkeit die Würde dieser Räume stört? Ja, wo der Schiller ist, geht auch was Besonderes vor; aber ich will ein Aug' auf euch haben, daß ihr mir die Stränge nicht durchreißt. Tätet auch besser, mit Spaten und Hacke euch auszuarbeiten, als mit dem Mundwerk zu dreschen – kommt nicht viel Gutes heraus dabei!«

Man wußte nicht recht, ob er im Scherz oder im Ernst rede; denn in seinem Gesichte und zumal um seine Mundwinkel zuckte es seltsam, und langsam stapfte er weiter.

Die vier Eleven blieben noch eine Weile stehen und sahen dem Fortschreitenden nach, dann sprach Schiller mit komischem Pathos: »Ich will nächstens unter euch treten und fürchterlich Musterung halten!«

»Spiegelberg, ich kenne dich!« fügte Scharffenstein halblaut lachend bei; doch Haug sagte: »Da muß ich euch doch erzählen, was ich dieser Tage für einen närrischen Traum hatte. Mir träumte, es wäre der jüngste Tag. Die Engel fingen an mit aller Macht zu posaunen, und die Toten standen allmählich auf. Aber es wollte damit nicht recht vorwärts gehen, und die Engel posaunten immer stärker. ›Hier müssen noch weit mehr Tote begraben liegen; aber wie sollen wir sie wecken, wenn unser ganzes Posaunen nicht hilft?‹ Da kam eben ein Karlsschüler zum Vorschein und sagte, er wüßte wohl Rat, wenn unter den Auferstandenen der Oberaufseher Nieß wäre; denn dieser dürfte nur mit der Stimme, mit welcher er einst in der Akademie zu kommandieren pflegte, jetzt ›zum Gericht!‹ kommandieren. Nieß wurde auch wirklich gefunden, und wie er kommandierte, da wimmelte es von Auferstandenen, und die Engel flogen ganz erfreut zum Himmel, um zu melden, daß jetzt alles zum Gericht bereit sei.«

»Prächtig, Haug! Ihr seid unser Mann! Den Ton können wir brauchen – von heut' an duzen wir uns!« rief Schiller, und begeistert schlug der andere in die dargebotene Hand ein. Schiller aber wendete sich zu Hoven: »Dir binde ich den Jungen auf die Seele, Wilhelm; weihe ihn ein, soweit dir's gut deucht, und bringe ihn übermorgen mit in die Höhle!«

»Wie du gebeutst, Hauptmann!« sagte der Angeredete mit einem beinahe feierlichen Ernst; Scharffenstein aber sprach: »Jetzt laßt uns auseinandergeh'n! Nieß wendet kein Auge von uns, er wittert die Verschwörung, und euer Händedruck ist eine absonderlich verfängliche Sache!«