Und in der Tat kam der kurzbeinige, dicke Herr wieder angestapft; aber ehe er herangekommen, hatten sich die vier nach verschiedenen Richtungen verloren, und bald darauf rief auch das Glockenzeichen die Eleven nach den Lehrsälen. Ruhe herrschte in dem ganzen weitläufigen Gebäude, nur ab und zu trug der Schall aus einem geöffneten Fenster die Worte eines besonders warm gewordenen Lehrers, den seine Beredsamkeit hinriß. Gegen sieben Uhr ward es lebendiger. Die Eleven zogen wieder die steife Uniform an, was in den Schlafsälen geschah, wo die einzelnen Abteilungen sich formierten und dann von ihren Aufsehern in den Rangiersaal geführt wurden, wo die Musterungen stattzufinden pflegten und wo alle so geordnet wurden, wie sie an der Tafel zu sitzen hatten. Dann marschierten sie in den eine Treppe höher gelegenen Speisesaal.

Es war ein schöner, weiter Raum. Zweiundachtzig jonische Säulen, die aus der Wand hervortraten, trugen eine ringsum laufende Galerie, und zwischen den Säulen waren die Büsten hervorragender Männer aufgestellt. Den Plafond zierten schöne Gemälde, und auch das Porträt des Herzogs Karl Eugen fehlte hier so wenig wie in den anderen Sälen. Die breiten Flügeltüren waren geöffnet, und die Eleven marschierten paarweise ein, und jeder blieb bei seinem Stuhle stehen. Nieß kommandierte dem einen Flügel »Rechtsum!« dem anderen »Linksum!« und mit rascher und genauer Wendung standen alle hinter ihren Sitzen, die Gesichter der Tafel zugekehrt. Aufs neue erscholl die Stentorstimme des Oberaufsehers: »Zum Gebet!« und alle falteten die Hände, indes ein Zögling die kleine Kanzel bestieg, welche sich zwischen den Flügeltüren befand, und mit monotoner Stimme ein Tischgebet sprach.

Dann pflegte für gewöhnlich das Kommando zum Rücken der Stühle und zum Niedersetzen zu erfolgen. Es blieb diesmal aus, und der Blick des Oberinspektors, der seine kurze Gestalt straff aufgerichtet hatte, fiel nach der Tür, welche aus dem Speisesaal in den sogenannten »Tempel« führte, ein prächtig ausgestattetes, kuppelgekröntes Gemach, in welchem der Herzog mit seiner Gemahlin, Gräfin Franziska von Hohenheim, vielfach die Abendtafel abhielt. Die Augen der Eleven wandten sich gleichfalls dorthin, und in der Tat stand der Herzog dort, die Gräfin am Arme. Es war ein schönes Menschenpaar. Der Fürst war eine stattliche Erscheinung mit einem vornehmen, geistvollen Gesicht, aus welchem die Augen groß und klar schauten; die Gräfin aber schlank und zierlich, voll lieblicher Anmut und mit einem freundlichen Lächeln um den schönen Mund.

Langsam kam der Herzog mit seiner Begleiterin am Arme heran, indes die Eleven auf ein erneutes Kommando gegen ihn Front machten. Er schritt, gefolgt von dem Intendanten, Herrn von Seeger, an derselben entlang, und sah besonders scharf nach den weißen Zetteln, die einer und der andere der Karlsschüler im Knopfloche trug. Das waren die »Billetts«, auf welchen die Nachlässigkeiten verzeichnet standen, die sich die Träger derselben im Laufe des Tages hatten zuschulden kommen lassen. Karl Eugen las sie aufmerksam, ließ dann seine Augen blitzend über die Inhaber derselben gleiten, die nicht zu zucken wagten unter seinen scharfen Blicken, aber er zeigte sich heute bei guter Laune und strafte meist nur mit Entziehung eines Gerichtes, während er sonst strenges Fasten anordnete oder bei besonderem Vergehen wohl auch bewies, daß er eine recht lockere und doch kräftige Hand besaß.

Die Gräfin lachte ihn freilich heute auch so freundlich und herzlich an, daß es den Eleven warm ums Herz wurde, und daß sie es deutlich empfanden, daß hier nicht bloß der gute Engel des Württemberger Landes, wie Gräfin Franziska hieß, sondern auch ihr guter Engel im besonderen ihnen nahe sei. Vor Schiller blieb der Herzog stehen und legte ihm die Hand auf die Schulter: »Er macht recht hübsche Poemata. Was Er da auf die Gräfin Franziska gedichtet hat, hat uns recht gefallen – brave Gesinnung und schwungvolle Sprache. Aber vergesse Er nicht die Medizin über der Dichtung, daß Er mir ein tüchtiger Arzt werde; das nützt der Menschheit mehr als seine Reimschreibereien.«

Schiller hatte seine schlanke Gestalt hoch aufgerichtet, und aus seinen Augen leuchtete ein begeistertes Feuer, so daß die schöne Frau ihn lächelnd ansah und freundlich ihm zunickte, als sie am Arme des fürstlichen Gatten weiter schritt. Da hielt dieser mit einem Rucke plötzlich an; er stand vor einem Eleven, dem fast aus allen Knopflöchern die verhängnisvollen »Billetts« hervorguckten. Der Herzog ließ den Arm seiner Gefährtin los, und mit beiden Händen zog er ziemlich hastig die weißen Blätter heraus und las. Der junge Sünder war ein Graf von Nassau, der manchen lustigen Streich verübte, welcher freilich gegen die Ordnung, aber im Grunde nicht böswillig war.

Karl Eugen schüttelte beim Lesen unmutig den Kopf, indes der Eleve schüchtern den Blick nach der Gräfin wendete und aus ihrem freundlichen, lieben Gesichte einigen Trost suchte. Jetzt wendete sich der Herzog zu ihm mit gerunzelter Stirn und sprach: »Sage Er, Nassau, was würde Er wohl machen, wenn er jetzt an meiner Stelle wäre?«

Der junge Graf stutzte einen Augenblick, schaute dann Gräfin Franziska wie fragend und prüfend an, und einem plötzlichen Entschlusse folgend reichte er ihr galant den Arm, gab der Überraschten einen herzhaften Kuß und sagte: »Komm, Fränzel, und laß den dummen Jungen steh'n!«

Die ganze kurze Szene hatte eine verblüffende Wirkung. Während Nieß in seiner peinlichen Überraschung ganz gegen alle Subordination einen Luftsprung machte, als gedächte er aus diesem Dasein zu verschwinden, ehe die Folgen dieser frevelhaften Tat eintreten mußten, stand Herr von Seeger wie ein Steinbild, und in den Gesichtern der Karlsschüler spiegelten sich Neugier und Erregung, teilweise auch ein schlechtverhehltes Behagen. Gräfin Franziska hatte ihren Arm rasch frei gemacht und sah mit dem erröteten, aber nicht unfreundlichen Gesicht nach dem Gatten, in welchem das Gefühl des Unmuts mit dem des Wohlgefallens an dem frischen, kecken Jungen stritt; endlich schien das letztere zu siegen. Er sah den jungen Grafen mit einem seltsamen Lächeln an, reichte seiner Gattin wieder den Arm und sagte: »Ja, Fränzel, lassen wir den dummen Jungen stehen! – Dinez, messieurs!«

Er schritt mit der Gräfin weiter, ohne sich noch bei einem der Zöglinge aufzuhalten, und als er in dem »Tempel« verschwunden war, wo das fürstliche Paar mit Herrn von Seeger das Abendbrot einnahm, erscholl das Kommando Nieß'; gleichmäßig, mit einem Ruck, bewegten sich die Stühle, mit einem zweiten Ruck saßen alle, und nun begann das Essen. Es gab Suppe, Kalbsbraten mit Salat und eine Mehlspeise, und schweigend wurden die Gerichte eingenommen.