Schiller küßte noch einmal Mutter und Schwester, dann drückte er warm und innig die Hand des Vaters und sah ihm lange tief in die Augen, als ob er die teueren Züge sich recht fest einprägen wolle. Der alte Mann merkte es mit einiger Verwunderung; aber er war so erfüllt von seinem Festberichte, daß er nichts Besonderes im Wesen seines Sohnes suchte.

Durch den sinkenden Abend und die hereinbrechende Dämmerung schritten die Freunde gegen Stuttgart zurück und besprachen dabei noch manche Einzelheiten der Flucht. Es mußte ein Tag gewählt werden, an dem Schillers Regiment nicht die Wache an den Toren besetzte, und Streicher hatte zufällig erfahren, daß in der Festeswoche das Regiment, welchem Scharffenstein angehörte, den Dienst haben würde. Schiller nahm das zum guten Zeichen. So wurde denn der 17. September als der Tag der Flucht festgehalten.

Streicher entfaltete in den nächsten Tagen eine unermüdliche Tätigkeit. Er versorgte den Reisewagen, er brachte die bürgerliche Kleidung, in welcher Schiller reisen sollte, nach seiner Wohnung, er holte allmählich auch dessen Wäsche, sowie dessen Lieblingsbücher, die Werke von Shakespeare, Haller und anderen dahin, so daß am 16. September alles bereit war. Am nächsten Vormittage um 10 Uhr wollte er noch einmal sich bei Schiller einfinden, und dieser sollte, was er sonst noch mitzunehmen beabsichtigte, bereitlegen.

Am Vorabend der Flucht ging der Dichter noch einmal durch Stuttgarts Gassen. Ihm war zumute, als sollte er von jedem Hause, von jedem Menschen Abschied nehmen. Der Himmel war trübe, und er vermochte sich einer Wehmut nicht zu erwehren. Als er an der Wache vorüberkam, sah er seinen Freund, den Leutnant Scharffenstein zum Fenster der Wachtstube herauslehnen, offenbar gelangweilt; er hatte wohl den Dienst hier für die Nacht. Einer augenblicklichen Regung folgend, wendete Schiller sich ihm zu und trat ein in den unfreundlichen Raum, um dem Freunde Gesellschaft zu leisten, worüber dieser augenscheinlich sehr erfreut war. Er wischte mit der Hand über den rohen Tisch hin und fegte rücksichtslos von der Tischplatte hinweg, was darauf lag, dann befahl er einem Soldaten, einen Krug Wein zu holen, brachte Pfeifen und Tabak herbei, zündete die trübe und qualmende Lampe an, und bald saßen die beiden im traulichen Gespräche.

Nachdem Scharffenstein zunächst weidlich auf den langweiligen Dienst gescholten, suchte er einen heiteren Ton anzuschlagen; aber Schiller war nicht in der Stimmung, darauf einzugehen, und jener sah ihm endlich tiefer in die Augen, und sprach fast verwundert: »Du bist mir heute so elegisch – was ist's mit dir?«

»Ich hab' ein Recht dazu, Scharffenstein, ich stehe an einem Wendepunkt meines Schicksals.«

Befremdet starrte ihn der Leutnant an. »Was hast du vor?« fragte er endlich teilnehmend, und Schiller erwiderte: »Georg – du wirst es für dich behalten, wenigstens bis übermorgen – ich will aus Stuttgart fliehen und mir eine freie Bahn suchen für meinen Geist.«

Scharffenstein reichte ihm in stummer Bewegung beide Hände hin, Schiller aber fuhr fort: »Ich kann's nicht mehr ertragen, wenn ich nicht zugrunde gehen soll. Sieh, ich freue mich, daß ich gerade heute noch einmal mit dir zusammen sein kann. Es weckt mir Erinnerungen an die Tage, da meine ›Räuber‹ entstanden und heimlich im Kreise der ›Bande‹ bruchstückweise verlesen wurden. Mein ganzes Leben in der Karlsschule taucht vor mir empor, mit den wenigen stillen Freuden und mit dem bitteren Druck, der uns manchmal die Herzen zerpressen wollte, und alles ist wie ein Traum. Du kennst mich, Georg, du weißt, daß ich nicht bin wie hundert andere, daß ich ein anderes Leben lebe, und weißt auch, daß der Herzog dafür niemals ein Verständnis gewinnen wird, – darum aber weißt du auch, daß ich nicht anders kann.«

»Ich weiß, Freund, – und meine besten Wünsche begleiten dich. Kann ich dir in etwas behiflich sein, so tu' ich's gern. Ich habe morgen abend die Wache am Eßlinger Tor, – ich will wenigstens sorgen, daß du glücklich hinauskommst. Du gehst allein?«

»Streicher geht mit.«