»Der brave Streicher! – Wohl dir, Friedrich! Du gehst deinem Ruhm entgegen, der aufsteigenden Sonne; wir bleiben hier in der Niederung des Lebens und warten, bis wir wieder ein Stückchen vorwärts geschoben werden. Wenn es einem von uns beiden wehmütig zumute werden kann, bin ich es. Von dir werden wir hören – denn dein Name kann nicht verloren gehen – ob du noch einmal von uns hier hörst, wer weiß es!«

»Aber vergessen werde ich euch nicht – keinen, der mir einmal Liebe und Treue bewiesen hat. Du aber, ich bitte, nimm zum Andenken an mich die Bücher, die ich in meiner Wohnung zurücklasse; sie sind dein.«

»Sie sollen mir von größtem Werte bleiben!«

Die Freunde aber besprachen noch vieles in dieser Nacht. Das müde Licht warf einen dämmerigen Schein durch den Raum, nebenan hörte man das laute Reden der Soldaten; die beiden jedoch saßen verloren in Erinnerungen, und Glück und Leid der gemeinsam verlebten Vergangenheit zog an ihren Seelen vorüber. Es begann bereits der Morgen zu grauen, als Schiller sich erhob.

»Den letzten Tropfen auf dein gutes Glück!« sagte der Leutnant und hob seinen Becher; sie stießen an, der Dichter aber goß den Rest aus seinem Trinkgefäß auf den Boden der Wachtstube – »eine Libation für die Götter der Unterwelt, daß sie nicht unheimliche Mächte entfesseln.«

Dann schritt er durch die stillen Gassen. Da und dort begegnete er einem verschlafenen Wächter, sonst war alles in Ruhe. Die Luft ging kühl, daß ihn fröstelte, aber sie versprach einen schönen Morgen, und er wünschte, daß ihm die Sonne glückverheißend aufgehe.

Schiller schlief wenig in dieser letzten Nacht, die er in Stuttgart verlebte. Schon um sechs Uhr weckte Kronenbitter ihn auf, und er machte sich fertig, um seiner Pflicht gemäß, nachdem er sein einfaches Frühmahl genossen, nach dem Lazarett zu gehen. Sorglicher als sonst verkehrte er mit seinen Kranken, als müßte er jedem derselben noch etwas Liebes tun, und um die achte Stunde kehrte er in seine Wohnung zurück. Hier begann er noch zusammenzutragen, was er als Letztes mitzunehmen gedachte, und besonders Bücher waren es, die er nur ungern zurückließ. Wie er noch unter diesen herumsuchte, fiel ihm ein Bändchen Oden von Klopstock in die Hand. Er schlug es auf, und der Zufall wollte, daß er auf eine Ode stieß, die ihn allezeit ganz besonders gefesselt hatte. Er vergaß die Zeit und seine eigene Absicht; in einen Stuhl gelehnt, stützte er das Haupt in die Hand, und seine Seele trank voll Begeisterung die Worte des Dichters des »Messias«, die ihn mächtig erregten. Er zog ein Blatt Papier heran, ergriff die Feder und begann nun selbst, gleichwie eine Antwort auf Klopstocks Poesie, eine Gegenode zu dichten. Mit den Fingern skandierte er den Rhythmus auf der Tischplatte, murmelte die Verse vor sich hin, und dann flog die Feder. Was kümmerte ihn der fortschreitende Zeiger der Uhr!

Da schlug draußen dröhnend die zehnte Stunde, und mit dem ersten Schlage trat der pünktliche Streicher ein. Er schaute verwundert den Freund an, der auch jetzt sich noch nicht zu besinnen schien, was er heute vorhatte, und sagte: »Friedrich – es ist zehn Uhr –, die letzten Vorbereitungen müssen getroffen werden; wir müssen eilen, wenn wir nichts versäumen und vergessen wollen.«

»Ach was, Andreas – omnia mea mecum porto (ich trage alles meinige bei mir) – ich bin erst noch bei dem göttlichen Klopstock zu Gast gewesen und habe ihm auch ein Gegengeschenk geboten – das mußt du anhören.«