Er begann die Ode Klopstocks vorzutragen und im Anschluß daran seine eigene. Streicher, der voll Ungeduld sich in einen Sitz geworfen hatte und unruhig darauf hin und her gerückt war, wurde unwillkürlich ruhiger, ihn fesselte auch in dieser Stunde die Macht der Gedanken, die Kraft der Worte, die einherrauschten wie ein entfesselter Strom, und er konnte seine Bewunderung dem Genius nicht versagen, der selbst in solchen Stunden sich zu erheben vermochte. Nun aber begann er doch aufs neue zu drängen; er fragte nach hundert Kleinigkeiten und erinnerte noch an das und jenes, was Schiller wohl vergessen hätte, und endlich schärfte er dem Freunde dringend ein, sich um neun Uhr abends pünktlich in seiner Wohnung einzufinden.
Er selbst nahm dann noch manches sogleich mit sich, um es in dem Koffer unterzubringen, der für Schiller bei ihm bereit stand; aber er kam nachmittags noch einmal, um sich zu überzeugen, daß auch nichts vergessen worden sei.
Langsam gingen die Stunden; endlich sank die Dämmerung nieder in die Gassen der Residenz, die heute stiller war als gewöhnlich, da alle Welt hinausgeströmt war nach der Solitüde, um die großartige Beleuchtung derselben zu sehen. Da kam Schiller bei Streicher an – es hatte eben neun Uhr geschlagen von den Türmen. Unter seinem Rocke trug er zwei Pistolen. Beide waren nicht viel wert, die eine hatte zwar einen ganzen Hahn, aber keinen Feuerstein, an der anderen war das Schloß zerbrochen, und Streicher mußte unwillkürlich lächeln, als er diese Waffen sah, deren erste in den Koffer gelegt wurde, während man die zweite mit in den Wagen nahm. Dieser, ein großes, schwerfälliges Fuhrwerk, stand vor der Tür bereit, und man verlud darauf die beiden Koffer, sowie Streichers kleines Klavier. Schiller legte nun seine bürgerliche Kleidung an, für die er noch zuletzt ein artiges Sümmchen ausgelegt hatte, so daß ihm an Barschaft nur dreiundzwanzig Gulden blieben, während sein Freund über achtundzwanzig Gulden verfügte.
Nun kam der Abschied von Streichers Mutter. Der Dichter kostete noch einmal die Wehmut desselben durch und dachte an seine Lieben auf der Solitüde, dann bestiegen beide das ungefüge Gefährt, die Pferde zogen an, und fort ging es im langsamen Trott durch die stillen, menschenleeren, dunkeln Gassen. Es war zehn Uhr abends geworden.
Als sie zum Eßlinger Tore kamen, pochten ihnen die Herzen. Der Wachtposten rief sie an: »Werda? Halt! – Unteroffizier heraus!« Der Gerufene kam, und Schiller lehnte sich tiefer in den Wagen zurück, während Streicher die geforderten Auskünfte erteilte. Auf die Fragen nach den Namen nannte er den seines Freundes als Dr. Ritter, seinen eigenen als Dr. Wolf; als Reiseziel gab er Eßlingen an. Der Unteroffizier notierte alles gewissenhaft, rief dann sein »Passiert!« und nun öffnete sich das Tor. Jetzt erst lehnte sich auch Schiller einen Augenblick aus dem Wagen und sah hinüber nach den offenen Fenstern der Wachtstube. Es brannte kein Licht in derselben; aber er glaubte doch die Umrisse des kommandierenden Wachtoffiziers zu erkennen und sandte im stillen dem braven Scharffenstein seinen Dank und Gruß zu.
Durch den Torbogen polterte der Wagen hinaus in die Nacht; aber die beiden Reisenden waren noch so ergriffen, daß sie beinahe kein Wort wechselten, während sie um die schweigende Residenz herumfuhren, um die gegen Ludwigsburg führende Straße zu erreichen. Nun stieg dieselbe bergan, und auf der Höhe sahen beide noch einmal zurück; dann versank die Stadt hinter ihnen, wie der Weg sich senkte, und jetzt erst, einer instinktmäßigen Bewegung folgend, reichten sie sich die Hände und sprachen ihre Freude aus, daß alles soweit geglückt war.
Nach etwa zweistündiger Fahrt sahen sie zur Linken den Himmel gerötet wie von Feuerschein. Sie erschraken anfangs; aber da sie weiterfuhren, erblickten sie mit einem Male das Lustschloß Solitüde, das in einer wundersamen Beleuchtung von seiner Höhe niederstrahlte. Die Luft war so rein, daß sie das herrliche Schauspiel völlig genießen konnten. Alle Linien der Gebäude traten deutlich und scharf hervor aus dem Dunkel der Nacht, und Schiller erkannte die Wohnung seiner Eltern. Er wußte, daß dort mitten in dem Festgewühl zwei Herzen um ihn bangten und seiner dachten, und während sein Gefährte stumm das prächtige Schauspiel genoß, sagte er wehmütig vor sich hin: »O, meine Mutter!«
Streicher hatte Mühe, die trübe Stimmung zu bannen; aber das Gefühl der erlangten Freiheit tat mehr, als Worte vermocht hätten. In dem Orte Enzweihingen stiegen die Reisenden aus, um ein wenig zu rasten. Sie bestellten sich einen Kaffee, und während sie so in der matt erhellten, dumpfigen Wirtsstube saßen, in nächtlicher Einsamkeit, zog Schiller ein Papier hervor.
»Sieh, was mich hier auf meiner Fahrt begleitet«, sagte er, – »das Vermächtnis Schubarts, das Gedicht, das er mir in die Hand drückte, als ich ihn auf dem Asperg sah. Ich hab's bewahrt wie ein Heiligtum, nun aber sollst du es mitgenießen, Genosse meiner Leiden und meiner Erhebung.«