Schiller begann mit seinem wenig angenehmen Organ die Vorlesung, und da er den ersten Akt zu Ende gelesen, legte er das Manuskript einen Augenblick beiseite und sah im Kreise umher. Aber umsonst erwartete er ein Zeichen des Beifalls. Man sprach über das Gehörte, aber auch über ganz andere Dinge, gewöhnlichen Tagesklatsch, und mit einem Gefühl der Verstimmung, das auch in den Zügen des treuen Streicher sich wiederspiegelte, begann er mit dem zweiten Akt. Auch nach diesem aber kam kein Wort des Lobes oder der Anerkennung aus dem Munde der Zuhörer. Frau Meyer reichte Erfrischungen herum, das Gespräch wurde lebhafter, man ging hin und her, und zuletzt machte Frank den Vorschlag, man wolle in den Garten gehen und Bolzen schießen. Beil hatte sich bereits entfernt, andere gingen jetzt ebenfalls, und nach einer Viertelstunde saßen außer den beiden Freunden nur der Hausherr und die Hausfrau sowie Iffland an dem Tische.

Der Dichter fühlte eine Kälte in seinem Herzen und ein großes Unbehagen; aber er konnte sich nicht überzeugt halten, daß sein neuestes Werk schuld sei. Frau Meyer zog ihn in ein Gespräch ziemlich gleichgültiger Art, und man merkte es der braven Frau an, wie unbehaglich ihr selbst in dieser Stunde zumute war. Streicher war erbittert auf die Schauspieler, die nach seiner Meinung wahrhaft Großes nicht zu schätzen wußten, die von kleinlichem Neide gegen Schiller erfüllt sein müßten, und er beschloß, das nicht ruhig hinzunehmen. Als Meyer sich erhob, folgte er ihm ins Vorgemach, dort aber nahm ihn der Regisseur selbst unter den Arm und zog ihn in ein Nebenzimmer. Dort fragte er: »Sagen Sie mir ganz aufrichtig: Wissen Sie gewiß, daß es Schiller ist, der die ›Räuber‹ geschrieben hat?«

Streicher stand starr und verdutzt bei dieser Frage. »Zuverlässig; wie vermögen Sie daran zu zweifeln?«

»Wissen Sie gewiß, daß nicht ein anderer das Stück geschrieben und es nur unter seinem Namen herausgegeben hat? Oder hat ihm jemand anderes daran geholfen?«

»Ich kenne Schiller schon lange und will mit meinem Leben dafür bürgen, daß er die ›Räuber‹ ganz allein geschrieben hat. Aber warum fragen Sie mich das alles?«

»Weil der ›Fiesko‹ das Allerschlechteste ist, was ich je in meinem Leben gehört, und weil es unmöglich ist, daß derselbe Schiller, der die ›Räuber‹ geschrieben, etwas so Gemeines, Elendes sollte gemacht haben.«

Streicher war entsetzt, er suchte des Freundes Werk nach Kräften zu verteidigen und wies vor allem darauf hin, daß Meyer dasselbe erst vollständig kennen müsse. Dieser aber erwiderte: »Als alter und erfahrener Schauspieler darf ich mir doch wohl erlauben, schon aus einzelnen Szenen einen Schluß auf das Ganze zu machen, und darum kann ich nur sagen: Wenn Schiller wirklich die ›Räuber‹ und den ›Fiesko‹ geschrieben hat, so hat er seine ganze Kraft an dem ersten Stücke erschöpft und kann nun nichts mehr, als erbärmliches, schwulstiges und unsinniges Zeug hervorbringen.«

Streicher schwieg, und tief niedergedrückt kehrte er mit Meyer zu den anderen zurück. Es war ein trübes Beisammensein; von dem ›Fiesko‹ sprach niemand, und mit Mühe ward eine Unterhaltung geführt, bis Schiller mit seinem Freunde aufbrach. Da tat es Meyer leid um den Dichter, und mit einer Regung der Höflichkeit bat er ihn, ihm sein Manuskript über Nacht zu lassen, damit er den Ausgang des Stückes kennen lerne.