Trübe Wolken zogen am herbstlichen Himmel hin, und trübe waren auch die beiden, die jetzt schweigsam durch die Gassen von Mannheim hinschritten. In ihrer Wohnung angelangt, warf Schiller seine Kopfbedeckung beiseite, trat an das Fenster und preßte die heiße Stirn an die Scheiben. Streicher, von Mitleid erfaßt, stellte sich zu ihm und legte die Hand auf seine Schulter. Da wendete sich der Dichter um und sah ihm voll ins Auge: »Ja, du bist gut und treu, Andreas! – die andern alle sind falsch und gehässig und neidisch –, oder sie sind zu dumm, um wirklich Großes zu begreifen. Ich seh's kommen, – der ›Fiesko‹ wird verworfen wie ein wertloser Lappen, und was wird dann mit mir? – Bin ich denn wirklich ein Dichter, oder darf ich's nicht mehr glauben? – Nun, dann will ich Komödiant werden, das Deklamieren versteh' ich wohl wie irgendeiner.«
Streicher dachte an die verunglückte Aufführung des »Clavigo« in der Karlsschule; aber er widersprach nicht. »Werde ruhig, Freund, und sieh die Dinge nicht zu schlimm an; noch hat Dalberg nicht gesprochen, und er hat Verständnis für echtes Gold der Dichtung. – Zum Schauspieler werden bleibt noch immer Zeit; aber deiner Familie wegen wirst du auch das noch einmal überlegen. Heute nichts mehr, – du bist zu aufgeregt.«
Er führte langsam Schiller zu einem Sitze und setzte sich selbst an sein Klavier. Er begann leise, weich und innig zu spielen, wie man wohl ein krankes Kind in Schlummer singt, und die milden Töne, die ruhigen Weisen begannen den Dichter zu besänftigen. Als Streicher schloß, drückte er mit stummem Danke ihm die Hand und begab sich zur Ruhe.
Der junge Musiker stand zeitig auf; er kleidete sich geräuschlos an, und mit einem wehmütigen Blick auf den schlafenden Freund, verließ er das Gemach. Er hatte keine Ruhe, ihn drohten die engen Mauern zu ersticken. In tiefen Zügen atmete er draußen die frische Morgenluft, und sobald es ihm nur irgend erlaubt schien, begab er sich in die Wohnung Meyers. Dieser kam ihm in sichtlicher Aufregung entgegen und rief: »Sie haben recht, ›Fiesko‹ ist ein Meisterstück und weit besser bearbeitet als die ›Räuber‹. Aber wissen Sie auch, was schuld daran ist, daß ich und alle Zuhörer es für das elendeste Machwerk hielten? Schillers schwäbische Aussprache und die verwünschte Art, wie er alles deklamiert. Er sagt alles in dem nämlichen hochtrabenden Ton her, ob es heißt: ›Er macht die Tür zu‹, oder ob es eine Hauptstelle des Helden ist. Aber jetzt muß das Stück in den Ausschuß kommen, da wollen wir es vorlesen und alles in Bewegung setzen, um es bald auf das Theater zu bringen.«
Streicher war es, als ob eine Bergeslast von ihm genommen sei, und ohne Aufenthalt eilte er zu dem Freunde. Dieser hatte sich eben erst erhoben, seine Stimmung aber war trübe.
»Meyer ist entzückt vom ›Fiesko‹,« rief der Musikus, »es muß auf die Bühne kommen, und dann ist ja die Wendung da, auf die wir hoffen; denn von der Bühne muß das Werk seine Schuldigkeit tun.«
Schiller umarmte den Freund, und während er bereits wieder heitere Luftschlösser baute, machte er sich rasch fertig, um selbst zu Meyer zu gehen und aus dessen Munde die Bestätigung der frohen Kunde zu vernehmen. Da ward ihm, eben da er die Wohnung verlassen wollte, ein Schreiben gebracht aus Stuttgart. Es war von dem Intendanten von Seeger und enthielt die Antwort auf Schillers Brief an den Herzog. Sie lautete wohlwollend und gnädig und enthielt die Aufforderung zur Rückkehr und Zusicherung der Verzeihung. Aber, was Schiller zumeist erhofft und erbeten hatte, die Zurücknahme der harten Verbote, suchte er vergebens in den Zeilen, und sein Entschluß war gefaßt: die Brücke mit Stuttgart mußte für immer abgebrochen werden, von dort war nichts zu hoffen, – seine Hoffnung blieb Mannheim und der »Fiesko«.
Meyer floß über von Anerkennung seines Werkes, und er wie seine Frau bemühten sich, dem Dichter den vorhergegangenen Abend vergessen zu machen. Frau Meyer aber kam dabei wieder auf ihre Wahrnehmungen und Beobachtungen in Stuttgart zurück, und mit der Ängstlichkeit der besorgten Frau riet sie Schiller, für einige Zeit, wenigstens bis zur Wiederkehr Dalbergs und dessen Entscheidung über den »Fiesko« Mannheim zu verlassen und sich in etwas mehr gesicherter Ferne von Herzog Karl Eugen zu halten, dem es doch einfallen könnte, von der befreundeten kurpfälzischen Regierung die Auslieferung seines desertierten Regimentsmedikus zu verlangen. Diese Befürchtung hegte auch Meyer, und da außerdem der Aufenthalt für die beschränkten Mittel der beiden Freunde in Mannheim zu kostspielig war, beschlossen sie, sich gegen Frankfurt am Main zu wenden und in einem Vorort der alten freien Reichsstadt sich bis auf weiteres vor dem Württemberger Herzog zu verbergen.
Die Freunde – denn der treue Streicher wollte seinen Genossen nicht verlassen – hielten Übersicht über ihre sehr zusammengeschrumpften Geldbestände und fanden, daß sie bei aller Sparsamkeit höchstens noch zehn bis zwölf Tage aushalten konnten. Sie wollten darum zu Fuß ihre Reise antreten, und Streicher wollte sich überdies von seiner Mutter ein Sümmchen von dreißig Gulden erbitten.