Nachdem sie von Herrn und Frau Meyer warmen Abschied genommen, wanderten sie selbander über Darmstadt, wo sie Nachtrast gehalten hatten, ihrem neuen Ziele entgegen. Aber die Aufregung der letzten Zeit, wohl auch die Entbehrungen, die man notgedrungen sich auferlegte, machten, daß Schiller auf dem Wege bedenklich ermüdete, und der Kirschengeist, den er zur Erregung seiner Nerven nahm, war wenig geeignet, ihn zu kräftigen. So konnte die herrliche Gegend, die an Naturschönheiten so reiche Bergstraße, fast gar nicht genossen werden. Nicht allzu fern mehr von Frankfurt, in einem Wäldchen, brach der Dichter endlich zusammen und fiel in einen tiefen Schlaf. Auf einem Baumstumpf in seiner Nähe saß Streicher und sah mit wehmutsvoller Teilnahme nach dem bleichen Gesicht, den verhärmten Zügen. So vergingen zwei Stunden.
Da ward ein Schritt vernehmbar auf dem nahen Fußpfade, und aus dem Gebüsch trat ein Offizier in hellblauer Uniform mit gelben Aufschlägen. Er stutzte, als er die beiden jungen Männer sah, und auch Streicher ward es einigermaßen unbehaglich, dann kam er näher, indem er die Freunde anhaltend fixierte: »Oh, hier ruht man sich aus!« rief er ziemlich laut. »Wer sind die Herren?«
»Reisende«, erwiderte kurz und wenig höflich der junge Musikus, und in diesem Augenblicke erwachte auch Schiller. Einen Moment sah er verwirrt umher, dann aber schaute er fest und durchdringend den Offizier an, der wohl daran gedacht haben mochte, die beiden anwerben zu können, nun aber zur Erkenntnis kam, daß er sich geirrt hatte. Er entfernte sich ohne Gruß; Schiller aber erhob sich und erklärte dem angenehm überraschten Freunde, daß er sich kräftig genug fühle, um den Weg fortsetzen zu können.
Sie beschleunigten nun einigermaßen die Schritte, und wie sie aus dem Wäldchen heraustraten, sahen sie die alte freie Reichsstadt im Abendschimmer vor sich liegen mit ihren Mauern und Türmen. Als die Dämmerung einsank, hatten sie dieselbe erreicht, und in der Vorstadt Sachsenhausen, der Mainbrücke gegenüber, nahmen sie bei einem Wirte Wohnung.
Schiller und Streicher auf der Mainbrücke bei Frankfurt
Um anderen Tage schon schrieb Schiller an Dalberg, legte ihm seine Lage vor und bat, ihm auf den »Fiesko« einen Vorschuß zu gewähren. Jetzt erst wurde dem Dichter wieder freier und wohler um das Herz, und in Begleitung des treuen Freundes streifte er über die Mainbrücke hinüber und wanderte durch die alte, merkwürdige Stadt mit ihren reichen geschichtlichen Erinnerungen, mit ihren interessanten Bauwerken, mit ihrem regen Verkehr. Das war doch noch anders als Stuttgart und Mannheim, und das Neue drängte sich immer wieder in reicher Fülle vor das Auge.
Die Läden der Buchhändler lockten ihn besonders, und er konnte nicht der Versuchung widerstehen, in einen derselben einzutreten und sich zu erkundigen, ob das berüchtigte Schauspiel »Die Räuber« guten Absatz finde. Der Buchhändler bestätigte dies nicht nur, sondern stimmte auch aus freien Stücken eine so warme Lobeshymne auf das Werk und seinen Verfasser an, daß das Gesicht Schillers freudig aufleuchtete und er zuletzt dem überraschten Manne sagte: »Nun, es freut mich, Ihnen sagen zu können, daß der Dichter vor Ihnen steht.«
Verwundert und verdutzt starrte ihn der Buchhändler an; aber wenn er vielleicht auch einen gelinden Zweifel in die Wahrheit dieser Angabe setzte, er überbot sich doch jetzt erst recht im Lobe des Werkes, und als Schiller mit Streicher den Laden verlassen hatte, drückte er innig die Hand des Freundes und sagte: »Andreas, das entschädigt mich für vieles. Mein Name geht nicht mehr verloren, und ich nehme den ersten Erfolg zum guten Zeichen für die weiteren.«