»Das darfst du, und wie die Sonne durch trübe Wolken, so wird auch dein Stern durch die jetzige Bedrängnis siegreich sich hindurchdrängen.«
Als ein glücklicher Mensch wanderte der Dichter weiter, und die ganze Welt schien ihn wieder mit anderen Augen anzusehen. Als sie am Abend nach Sachsenhausen zurückgingen, blieb er auf der Mainbrücke stehen und sah hinein in den vom Abendlicht beschienenen Strom, der die Bläue des Himmels wiederspiegelte, und auf die bewegten, fleißigen Menschen und die dahingleitenden Fahrzeuge.
»Die Erde ist doch schön, und Mensch zu sein eine Freude«, sprach er im Weitergehen. In seiner Wohnung aber begann er hin und her zu wandern, sinnend und schaffend; nur ab und zu setzte er sich an den Tisch und schrieb. Streicher hatte in einem stillen Winkel Platz genommen und beobachtete ihn, ohne ihn zu fragen oder zu stören. Endlich nahm Schiller selbst das Wort: »Mich faßt ein wunderlicher Drang zu schaffen, Andreas. Der Gedanke an ein bürgerliches Trauerspiel schwebt mir schon seit einigen Tagen vor, heute fängt es an Gestalt zu gewinnen. Ich sehe alles werden vor meinem Geiste, das Haus eines armen Stadtmusikus mit seinem schönen, schlichten Kinde, den Sohn des vornehmen Präsidenten, der es liebt, den Gegensatz der bürgerlichen und der adligen Sphäre … oh, welche Fülle lebensvoller Züge läßt sich hier anbringen. ›Luise Millerin‹ soll die Heldin heißen und das Stück selber …«
Er erzählte dem Freunde von den Einzelheiten des Planes, und es war tief in der Nacht, als sie beide einschliefen.
Auf diesen angenehmen Tag folgte ein trüber, als sie von der Post die Briefe holten, die für Dr. Ritter angekommen waren. Sie waren zum Teil von Stuttgarter Freunden, voll von Besorgnissen und Warnungen, zum Teil von Mannheimer Bekannten; aber am meisten Interesse hatte ein Schreiben Dalbergs. Schiller öffnete es erst, als sie daheim in ihrer Wohnung waren. Er stand am Fenster und las, und gespannt beobachtete ihn Streicher. Da sah dieser, wie des Freundes Züge sich verfärbten, wie die Hand mit dem Briefe niedersank und der Blick des Dichters durch das Fenster hinausstarrte wie in eine öde, trostlose Weite. Er eilte zu ihm und faßte seine Hand. Schiller wendete sich und reichte ihm stumm den Brief, und der junge Musikus las, daß Dalberg keinen Vorschuß geben wolle, weil der »Fiesko« in der vorliegenden Form für die Bühne unbrauchbar sei.
Streicher versuchte wie immer zu trösten; aber Schiller blieb gedrückt, und da am nächsten Tage die dreißig Gulden von Streichers Mutter eintrafen, machte dieser selbst den Vorschlag, einen stillen Ort nahe bei Mannheim aufzusuchen, wo man billig lebe, den Mannheimer Freunden nahe sei und wo Schiller in Ruhe den »Fiesko« umarbeiten könne. Der Dichter war mit allem einverstanden, und schon am anderen Morgen fuhren die Freunde mit dem Marktschiffe den Main entlang nach Mainz, wo sie beim nächsten Morgensonnenschein den Main in den Rhein münden sahen und weiter wanderten gegen Worms. In Nierstein stärkten sie sich an einem Glase alten Weins, und am Abend um neun Uhr zogen sie in der alten Lutherstadt Worms ein. Hier fanden sie einen Brief von Meyer, der ihnen das kleine Städtchen Oggersheim zum Aufenthalt empfahl, und so ließen sich denn auch die Freunde in dem Gasthause zum »Viehhof« nieder, doch hatte Schiller seinen Namen Dr. Ritter in Dr. Schmidt vertauscht, um etwaige Nachspürungen zu täuschen. Mannheimer Freunde hatten sie dort empfangen, und Meyer suchte Dalbergs Ablehnung in einem freundlicheren Lichte erscheinen zu lassen.
Trotzdem war die Freude am »Fiesko« dem Dichter verdorben, und er mußte sich beinahe zwingen, an die verlangte Umarbeitung zu gehen; viel lieber saß er über dem neu geplanten Werke, der »Luise Millerin« oder wie es später nach Ifflands Vorschlage hieß: »Kabale und Liebe«.
Was war in jenen Tagen der brave Streicher wert! An den langen trüben Herbstabenden wußte er durch sein Klavierspiel oft die Stimmung des Freundes zu erheitern und, wie David bei Saul, die schlimmen Geister zu bannen; er ermunterte ihn zum Schaffen mit seiner Kunst. Oft wenn der Mondenschimmer den kleinen Raum mild erhellte, saß er an seinem Instrument und ließ seine ganze warme, herrliche Seele ausströmen in milden, erhebenden Klängen, so daß Schiller oft sich erhob, hin und her wanderte, das entzückte Antlitz dem freundlichen Himmelsgestirn zugewendet, und dann wieder selbst schaffensfreudiger an seine Arbeit ging. Solche Stunden taten ihm freilich auch not; denn im allgemeinen war der Aufenthalt in Oggersheim nicht angenehm, zumal in den unfreundlichen Herbsttagen und in einem Hause, dessen Friede oft genug gestört wurde durch die polternde Stimme des Wirtes, der seiner Familie gegenüber oft genug den Tyrannen hervorkehrte.