Da war es für den Dichter geradezu Bedürfnis, sich ab und zu nach Mannheim zu schleichen und dort im Hause Meyers oder Schwans, wo immer einige verschwiegene Freunde sich zusammenfanden, einige Stunden zu verleben. Freilich wagte er mit Streicher nur bei eingebrochener Dämmerung sich in die Stadt zu begeben, in welcher sie, da man die Festungstore zeitig schloß, genötigt waren zu übernachten.

Indes war der »Fiesko« doch in der neuen Fassung fertiggestellt und an Dalberg übersendet worden, der keine Ahnung hatte, daß ihm der Dichter so nahe sei, weil Schillers Korrespondenz durch Meyer vermittelt wurde. Mit leicht begreiflicher Spannung sah der Dichter der Entscheidung des Intendanten entgegen, und da diese länger, als er gehofft hatte, auf sich warten ließ, wollte er Herrn von Dalberg wenigstens um sein Urteil als Dramaturg über das Werk bitten.

Er schrieb deshalb einen Brief, und am Abend des 16. November wanderten die beiden Freunde, in ihre Mäntel gehüllt, wieder nach Mannheim, um das Schreiben bei Meyer abzuliefern. Sie wurden bei diesem in unverkennbarer Aufregung und Angst empfangen und erfuhren, daß ein württembergischer Offizier hier gewesen sei und sich nach Schiller erkundigt habe. Wohl hatte man erklärt, daß man nicht imstande sei, über diesen Auskunft zu geben; aber unbehaglich blieb die Sache doch, und auch die Freunde wurden besorgt. Als man noch über den Vorfall redete, klang die Haustürglocke, und Frau Meyer, welche in der ersten Bestürzung fürchtete, der unangenehme Besuch könnte zurückkehren, ja Schiller vielleicht beim Eintritt in das Haus bemerkt haben, drängte die beiden Freunde in ein etwas abgelegenes Kabinett, das sie sorgfältig hinter ihnen abschloß.

Aber die Furcht war unnötig gewesen; es war ein guter Bekannter des Hauses, der freilich auch seinerseits berichtete, daß der württembergische Offizier in der Stadt genaue Erkundigungen wegen Schiller eingezogen hatte.

Es war ein recht unbehaglicher Abend. Bei dem traulichen Lampenschimmer saßen sie beisammen, und da noch einige befreundete Herren und Damen kamen, brachten auch sie die Kunde von dem Offizier, und nun schien es hier allen ebenso bedenklich, wenn die Freunde in Mannheim übernachteten, wie wenn sie nach Oggersheim zurückkehrten. In dieser Not und Verlegenheit schaffte eine der Damen, Madame Curioni, Rat. Sie hatte die Aufsicht über das jetzt unbewohnte Palais des Prinzen von Baden und erklärte, die Freunde daselbst unterbringen und unter Umständen auch so lange verbergen zu wollen, als es nötig erscheinen könnte, und mit Dank nahmen diese das Anerbieten an. Im Dunkel der Nacht gingen sie mit Madame Curioni durch die Gassen nach dem stillen Palaste, und bald sahen sie sich in geradezu fürstlichen Gemächern untergebracht mit dem beruhigenden Bewußtsein, daß sie an diesem Orte niemand suchen und noch weniger verfolgen würde.

Als die Sonne durch die hohen Fenster hereinlachte, erhob sich Schiller mit einem Gefühle des Behagens. Im Morgenschimmer sieht er erst die ganze Pracht des Raumes, in dem er sich befindet, und nachdem er sich angekleidet, und der treue Streicher ausgegangen war, um Erkundigungen einzuziehen, schritt er langsam an den Wänden hin und besah die trefflichen Gemälde und die Kunstgegenstände und vergaß darüber die trübe und sorgenvolle Gegenwart.

Nach einiger Zeit kam der treue, unermüdliche Streicher zurück mit guter Kunde. Der württembergische Offizier war bereits am vorigen Abend abgereist, ohne mit dem Kommandanten von Mannheim gesprochen zu haben. Die Sorgen waren unnötig gewesen; ja später erfuhr Schiller sogar, daß es einer seiner Stuttgarter Freunde gewesen war, der ihn hatte aufsuchen wollen.

Nun begaben sich die beiden Freunde wieder zu Meyer, der sich, ebenso wie seine Frau, herzlich freute, daß diese trübe Wolke vorübergegangen war, der aber auch nicht verhehlen mochte, daß möglicherweise die Nachforschung nach dem Dichter fortgesetzt und derselbe zuletzt doch gefährdet werden könnte. Das wackere, wohlwollende Ehepaar glaubte deshalb dem Dichter raten zu sollen, daß dieser sich ein mehr verstecktes und gesichertes Asyl suche, und in diesem Augenblicke schwebte Schiller die Einladung der Frau von Wolzogen vor, und deren kleines Besitztum Bauerbach erschien ihm wie der rettende Hafen. Er beschloß, sogleich an sie zu schreiben.

Mit Streicher ging er nun nach Oggersheim zurück. Im »Viehhof« kam ihnen der unhöfliche Wirt entgegen, der sie kaum grüßte und sie darauf aufmerksam machte, daß er seit vierzehn Tagen für sie angekreidet habe und daß auf seiner Tafel schier kein weiterer Platz sei; auch würde nach seiner Meinung das Anwachsen der Rechnung nicht dazu beitragen, die Zahlung leichter zu leisten.