Der junge Theologe erwartete ihn mit einer gewissen Aufregung; er hatte seine Zeichnungen und Malereien zusammen gesucht und legte sie nun dem Alten vor, der, behaglich in seinem Stuhl lehnend, sie aufmerksam betrachtete. Er besaß auch dafür einen geschulten Kennerblick, und Hans Stahl atmete auf, als er sagte:
»Es steckt etwas drin, und in guter Schule kann aus Ihnen etwas werden. Zum Domherrn sind Sie verdorben, Hans, aber es ist zur Seligkeit nicht gerade notwendig, daß Sie die violette Halsbinde kriegen. Also es bleibt dabei: Ich lege mich bei Ihrem Vater ins Mittel, wenn's notthut, persönlich, und es wäre das erste Mal, daß ich mein Pulver umsonst verschossen hätte, wenn er nicht zur richtigen Erkenntnis der Sachlage gebracht werden könnte. Bis dahin treiben Sie noch ein Weilchen Ihre Dogmatik und Moral, denn seine Pflichten muß man unter allen Umständen thun. Jetzt Gott befohlen – ich habe noch einen Patienten zu besuchen.«
Er ging, und bald darauf trat er bei dem alten Pfarrer ein. Der fühlte sich heute seltsam wohler, und Vetter Martin ließ sich's nicht nehmen, ihn sowohl als Frohwalt für diesen Tag als seine Gäste zu betrachten. Sie aßen zusammen Mittag in einer freundlichen Restauration der Kleinseite und nachmittags mietete der Alte, weil dem Pfarrer das Gehen doch ein wenig sauer wurde, einen Wagen, und sie fuhren hinaus nach dem Baumgarten, dem Lieblingsvergnügungsorte der Prager. Die herrlichen Bäume waren freilich noch wenig belaubt, aber der Rasen und das Strauchwerk grünte, und der Lenz hatte seine duftenden Blüten ausgestreut über den schönen Flecken Erde, über dem ein herrlicher blauer Himmel sich ausspannte. Der große Restaurationsgarten war sehr besucht, die milde, warme Luft ermöglichte den Aufenthalt im Freien, eine Militärkapelle spielte fröhliche Weisen, und als der greise Kaiser Ferdinand der Gütige, zusammengebeugt, aber fortwährend grüßend und nickend in seinem mit zwei Braunen bespannten Wagen vorüberfuhr, als bei den Klängen der schönen Haydnschen Volkshymne sich alles von den Sitzen erhob, da wurde dem alten Pfarrer die Seele weit und froh, und er warf auf einige Stunden alles von sich, was ihn drückte und quälte.
Vetter Martin sah seine feuchtflimmernden Augen aufleuchten mit einem fremden Glanze des Glücks und fühlte sich selber ergriffen. Er lud den alten Herrn für den Herbst in seine Heimat ein, denn für's erste gedachte er noch einige Zeit auf Geratewohl ins Bayernland und durch das Fichtelgebirge, den Rhön- und Thüringerwald zu streifen – und jener sagte freudig zu.
Es war ein Nachmittag, mit welchem alle drei, als sie abends heimkehrten, zufrieden waren, und als Vetter Martin mit der nächsten Morgenfrühe aufbrach, und mit dem Ränzel auf dem Rücken und dem derben Stocke in der Hand durch die kühlen, stillen Gassen schritt, hatte er das Bewußtsein, hier zwei Menschen glücklich gemacht zu haben, den Theologen Hans Stahl und den ehemaligen Pfarrer von Nedamitz.