Ueber der Altstadt Prags hingen dunkle Wetterwolken. Langsam und schwer waren sie über die Moldau herübergekommen, und schienen sich jetzt dicht niederzusenken über das Kloster der Kreuzherren und das alte Klementinum. Eine drückende Schwüle brütete in den Gassen, die Leute hasteten heimwärts, und auch der Schutzmann, welcher bei dem Denkmal Karls IV. stand, sah sich nach einem Obdach um, sobald das Wetter losbrechen würde. Dabei war es etwa um die zehnte Stunde vormittags.

Durch das Thor des Klementinums ging langsam mit gesenktem Kopfe ein noch junger Mann, einfach aber gut gekleidet; es war der Uhrmacher Freidank. Er bog hinter dem Thore nach links ab, wo der Eingang zum Priesterseminar war, aber ehe er die Glocke zog, schien er noch einmal mit sich zu kämpfen. Er atmete einigemale tief, hob die Hand, ließ sie sinken und hob sie aufs neue, und als jetzt die Glocke ertönte, schrak er zusammen.

Er trat nun in den Korridor, dessen Kühle wohlthuend berührte bei der Gewitterhitze in den Gassen und fragte einigermaßen zaghaft den Pförtner, ob er den Herrn Dr. Frohwalt treffen könne. Dieser bejahte und wies ihm den Weg, und Freidank ging langsam, noch immer mit beengter Brust, weiter, die Treppen hinan, bis vor die bezeichnete Thür. Er pochte, und auf das »Ave!« von innen trat er ein. In demselben Augenblicke flammte der erste Blitz des losbrechenden Gewitters nieder und beleuchtete sein ohnehin bleiches Gesicht mit bläulichem Glanze, so daß Peter Frohwalt zwiefach erschrak wie vor einer Geistererscheinung und beinahe entsetzt von seinem Sitz aufsprang. Im Geroll des Donners verklang der Gruß des Eintretenden, dem es selbst unheimlich erschien, daß er hier bei Blitz und Donner ankam, und den das erschreckte und dabei doch finstere Gesicht seines geistlichen Schwagers noch mehr verschüchterte.

Frohwalt bot ihm nicht die Hand, auch nicht einen Sitz; er fragte, nachdem das Rollen verklungen, kühl und beinahe strenge:

»Was wollen Sie von mir?«

Der andere aber drehte langsam den Hut in seinen Händen, und hob nun sein treuherziges Auge auf; er sprach:

»Ich wäre nicht gekommen, Herr Doktor, wenn nicht Ihre Mutter und Marie mir Mut dazu gemacht hätten, und wenn mir's nicht besonders um die letztere zu thun wäre. Ich hatte einen Bruder, einen braven Menschen, Herr Doktor. Er hatte das Tischlerhandwerk gelernt, und da er eine wackere Braut hatte, hätte er gerne sich selbständig gemacht und geheiratet. Er hatte das Zeug dazu, sich vorwärts zu bringen, wenn er nur einmal über den Anfang hinaus war. Ich hätte ihm gerne geholfen, aber mein kleines Kapital steckt in meinem Geschäfte, und auf mein Häuschen kann ich nicht borgen, es ist noch verschuldet von meinem seligen Vater her. Er fand aber einen vermögenden Mann, der ihm achthundert Gulden vorstrecken wollte, wenn er jemanden hätte, der für ihn Bürgschaft leiste, und die habe ich denn in Gottes Namen übernommen. Mein Bruder heiratete nun, nachdem er Meister geworden, und es ging recht hübsch vorwärts. Vor einigen Wochen aber hat er sich hingelegt und ist gestorben. Jetzt verlangt der Gläubiger sein Geld. Er ist zwar ein frommer Mann und geht jeden Tag in die Kirche, aber der Jammer meiner Schwägerin und ihres Kindes haben ihn eben so wenig gerührt, wie meine Bitte; er hält sich jetzt an mich und besteht auf Zahlung, sonst will er mir mein Häuschen verkaufen lassen. Fünfhundert Gulden, mein bischen Erspartes, will ich ihm geben, aber er will alles, weil der Herr Kaplan ihn gegen mich hetzt – Sie wissen ja, warum – und die dreihundert Gulden kann ich nicht aufbringen. Und da – wollte ich – bitten – ob nicht Sie vielleicht – mir, das heißt Ihrer Schwester – den fehlenden Betrag vorschießen könnten!«

Der schlichte Mann that einen tiefen Atemzug, und schaute dem jungen Priester noch immer voll in das Gesicht. Dieser aber blickte finster und ernst drein, als er erwiderte:

»Ich verstehe nicht, warum Sie zu mir kommen? – Was habe ich mit Ihnen zu thun? Zwischen uns ist keine Gemeinschaft, das sollten Sie wissen.«