Der Doktor der Theologie Peter Frohwalt aber stand eine Weile verdutzt in der Mitte seines Zimmers; Aerger und noch ein anderes Gefühl, über das er selbst im Unklaren war, erfüllte ihm die Seele und in tiefer Verstimmung trat er an das Fenster. Grau und wie nebelverhüllt war alles draußen, nur der Regen rann wie ein Schleier, und ab und zu zuckte ein Leuchten über die Stirn des Himmels. Die Worte des einfachen Mannes klangen im Herzen des jungen Priesters unaufhörlich nach, und vergebens suchte sich dieser einzureden, daß er selber recht gesprochen und gethan habe, immer wieder drängte sich etwas wie Reue zwischen seine erkünstelten Erwägungen.
Nun ließ der Regen nach und ein heller Flecken des Himmels lugte aus den zerrissenen grauen Wolken, Frohwalt aber mußte bei dem blauen Schimmer an die Augen seiner Schwester denken, die feucht und vorwurfsvoll sich nach ihm hinrichteten. Er ging mit großen Schritten in seinem Zimmer auf und ab, unruhig, bald dies, bald jenes erfassend, bis er von seinem Büchergestell wieder das kleine Buch nahm, das ihn immer anzog und abstieß zugleich, das Laienbrevier; er blätterte darin und seine Augen flogen über die Seiten, bis sie an einem Worte hängen blieben:
Es muß der Mensch das Gute thun. Das ist
Sein Wesen, ist sein unterscheidend Merkmal
Auf Erden hier. Der gute Wille ist
Des Menschen Göttlichkeit, der freie nicht.
Sein freier Wille liegt im Irrtum nur …
Er warf das Buch beinahe ärgerlich zur Seite.
»Soll ich mir von Protestanten und Abtrünnigen gute Lehren geben lassen?« murmelte er vor sich hin, aber in ihm klang doch das Wort immer wieder nach: »Es muß der Mensch das Gute thun,« und so beschloß er, gleichsam um mit seinem Gewissen sich abzufinden, nachmittags den alten Pfarrer aufzusuchen, um ihm einige verfügbare Meßgelder zu überbringen und auch mit freundlichem Worte ihm etwas Gutes zu thun.
Mit diesem guten Vorsatz ging er denn auch um die dritte Nachmittagsstunde hinüber nach der Kleinseite. Bei dem Brückenturm der letzteren begegnete ihm Hans Stahl, und Frohwalt hielt einen Augenblick erstaunt auf seinem Wege an, als ihn der junge Mann grüßte. Derselbe trug einen leichten Sommeranzug, einen Strohhut mit hellem Band, und um den Hals hatte er eine bunte, flatternde Seidenschleife gebunden. In seinem Blicke lag beinahe etwas Triumphierendes, ganz gewiß aber etwas sonderbar Freudiges. Daß er nicht mehr Theologe war, war zweifellos, und dem Adjunkten fiel ein, was Professor Holbert seinerzeit über Stahl geäußert hatte.
Der Tag war nach dem Gewitter wieder heiter geworden, aber die Schwüle, die neuerdings in den Gassen lag, ließ eine Wiederkehr desselben befürchten. Frohwalt wischte sich mit dem Taschentuche den Schweiß von der Stirn und ging langsam quer über den Kleinseitner Ring nach der Spornergasse. Als er an die Thüre des Pfarrers kam, vernahm er die Stimme desselben mit einer gewissen Erregung, und er überlegte, ob er anpochen sollte.
In dem Augenblick hörte er den alten Herrn beinahe heiser vor Zorn rufen: »Hinaus mit Dir, Du Lump!« und ein höhnisches Gelächter aus einer rauhen Kehle war die Antwort, sowie einige in tschechischer Sprache hervorgestoßene Worte. Der Adjunkt hatte die Empfindung, als ob er dem Pfarrer zu Hilfe kommen müsse; er klopfte einmal kräftig an die Thüre, und trat, ohne den Bescheid darauf abzuwarten, ein.
Der alte Priester stand am Tische, die Faust geballt auf die Platte gestemmt, auf welcher auch hier der Zinnkrug nicht fehlte. Er hatte die Weste aufgeknöpft, so daß das wenig reinliche Hemd hervorsah, der Hals war entblößt, weil er, wohl der Wärme wegen, das Collare abgelegt hatte, sein Gesicht aber war gerötet, und die feuchten, schwimmenden Augen blitzten beinahe unheimlich. Nicht fern von ihm stand ein junger Mensch von zwanzig und etlichen Jahren, heruntergekommen in seinem Anzuge, und von gemeinen, unangenehmen Gesichtszügen. Er schielte nach dem Eintretenden und dabei ging ein höhnisches, böses Zucken um seine Mundwinkel, der alte Pfarrer aber schien zu erschrecken, als er Frohwalt erkannte. Er dankte verlegen seinem Gruße und bat ihn, sich niederzusetzen, dann wandte er sich noch einmal zu dem andern, – und sprach mit erzwungener Ruhe: »Wir sind fertig mit einander – dort ist die Thüre!«