»Weiß es denn schon Professor Holbert?« fragte Severin.
»Nein, aber ich gehe noch heute zu ihm, um mich als angehenden Künstler vorzustellen – aber Ihr sitzt ja hier in gelehrten Studien, ich habe wohl gestört?«
»Ja, Severin sucht mir eben aus der Kirchengeschichte den Nachweis zu liefern, daß es gar nicht möglich sei, einen Glaubenssatz von der Unfehlbarkeit des Papstes aufzustellen,« sagte Vogel.
»Die Geschichte mit dem neuen Konzil macht Euch wohl die Köpfe warm?« sprach Stahl – »da bin ich doppelt froh, daß ich aus der Gottesgelahrtheit heraus bin, und ruhig als gläubiger Laie abwarten kann, bis es heißen wird: Roma locuta est!« (Rom hat gesprochen.)
»Das ist's eben, was es in diesem Falle nicht heißen darf. Nicht, daß Rom gesprochen hat – darauf kommt es nicht an – die Kirche muß ihre Stimme abgeben, und Kirchenfürsten und Gelehrte sind jetzt schon klar, daß ein solcher Glaubenssatz eine Unmöglichkeit ist,« bemerkte Severin.
»Man würde aber doch von Rom aus nicht die Absicht haben, denselben aufzustellen, wenn nicht ausreichende Gründe dazu vorhanden wären« – erwiderte der Alumnus.
»Jesuiteneinflüsse,« brummte der Extheologe.
»Da kann Stahl recht haben,« sprach der Kapuziner, »ich kann mir nicht helfen, ich liebe, wohl auch auf Grund meiner kirchengeschichtlichen Studien, die Gesellschaft Jesu nicht, denn sie hat nicht immer das Beste der Kirche erreicht, aber ich meine doch, daß sie nicht über die Köpfe der Kirchenfürsten hinweg etwas durchsetzen kann, und in den Kreisen der letzteren scheint keine Neigung für die Neuerung vorhanden zu sein.«
»Professor Meyer soll wenigstens im Kollegium sich ganz entschieden gegen die Unfehlbarkeit ausgesprochen haben, und er weiß jedenfalls, daß er damit auch im Sinne unseres Kardinals Schwarzenberg spricht, aber trotz alledem: Die Frage ist: Was bleibt dann übrig, wenn der Glaubenssatz doch beschlossen wird?« sprach wieder Vogel, und Hans Stahl brummte abermals: »Unterducken!«
»Nein, das glaube ich nicht« – sagte Severin mit einer gewissen Erregung – »dann führt's zur Kirchenspaltung, denn was bis heute nach allen Ergebnissen der Wissenschaft und Moral unmöglich ist, kann morgen nicht als wirklich angenommen werden von Männern, die als charakterfest gelten, und unfehlbar ist der Papst niemals gewesen, das beweist die Kirchengeschichte häufig genug, ja gerade die Geschichte des Jesuitenordens giebt dafür ein schlagendes Beispiel. Im Jahre 1759 hat Papst Clemens XIII. in einer Bulle die Jesuiten als die frömmsten und uneigennützigsten Menschen hingestellt, und zehn Jahre später hat sein Nachfolger Clemens XIV. gleichfalls in einer Bulle den Orden aufgehoben, weil er den Frieden der Welt störe. Und beide Päpste müßten unfehlbar gewesen sein, denn ein solcher Glaubenssatz muß rückwirkend sein. Und was soll man antworten, wenn die Gegner der Kirche hohnlachend hinweisen auf einen Fall wie jenen mit dem Papste Vigilius? Die Geschichte der Päpste ist in jener älteren Zeit ohnehin nicht sehr sauber, so daß es wahrlich nicht notthut, durch solche Neuerungen die Aufmerksamkeit besonders darauf hinzulenken.«