Peter Frohwalt war entlassen, aber vor dem Thore des Palastes stand er noch eine Weile wie ein Träumer und starrte um sich. Klarer Himmel lag über ihm, in den Bäumen der Domherrnallee rauschte es leise, und in der Brust fühlte er wie das Klingen einer Glocke, die mit jeder Schwingung sagte: »Nach Rom! Nach Rom!«
Eben als er langsam nach der Kleinseite hinabsteigen wollte, kam aus der Gegend von Strahow her Professor Meyer. Der Adjunkt ging auf ihn zu, grüßte und teilte ihm, noch immer in Erregung, mit, was soeben geschehen war. Das glänzende, glatte Antlitz des anderen war umspielt von einem freundlichen Lächeln; ihm war die Kunde offenbar nicht neu, und nun gingen sie selbander langsam hinab durch die steile Spornergasse. Frohwalt lag daran, aus dem Munde des angesehenen Theologen eine Meinung zu hören über seine Auffassung der Unfehlbarkeit, und mit seiner gewöhnlichen Ruhe und in schlichter, klarer Weise sprach dieser aus, was er seinerzeit schon dem Kardinal gegenüber geäußert hatte: Ein solcher Glaubenssatz würde zur Beunruhigung der Gemüter beitragen und sei vom Standpunkte der Moral wie der Kirchengeschichte schwer anfechtbar.
Beim Klementinum schieden sie von einander, und Frohwalt, noch immer erregt von der Unfehlbarkeitsfrage, wie von der ehrenvollen Aufforderung, schritt durch den Korridor des Seminars. Da sah er den Alumnus Vogel, und in der Freude seines vollen Herzens, das nach Mitteilung drängte an einen, von dem er wußte, daß er ihn lieb habe, rief er ihn heran und sagte:
»Vogel, ich werde mit dem Herrn Kardinal nach Rom reisen zum Konzil!«
Der Seminarist sah mit einem geradezu bewundernden Blicke zu seinem Landsmann auf, und wünschte ihm Glück zu solcher Auszeichnung. Dann aber setzte er beinahe schüchtern hinzu:
»Meinen Sie, Herr Doktor, daß man den Glaubenssatz aufstellen wird?«
»Daran ist kaum zu denken; es widerspricht nach den berufensten Meinungen der Lehre der Kirche, der Kirchengeschichte und dem kanonischen Recht. Die Bischöfe, zumal die deutschen, werden niemals zustimmen.«
Mit dieser bestimmten Versicherung verließ Frohwalt den Alumnus und trat in sein Zimmer, wo er mit großen Schritten auf- und abging, um einigermaßen ruhiger zu werden. Dabei überkam ihn beinahe ein Unbehagen über den zuversichtlichen Ton, in welchem er zu Vogel gesprochen hatte, und er beschloß, nachmittags zu Professor Holbert zu gehen, und auch die Meinung dieses ausgezeichneten und wahrhaft kirchlich gesinnten Mannes zu hören.
Diesen Vorsatz führte er auch aus, und sobald es das Gesetz des Anstands gestattete, machte er sich auf nach der Zeltnergasse. Therese empfing ihn, so heiter lächelnd, ja fast strahlend, daß ihm erst diesmal die Schönheit des Mädchens auffiel, und sie führte ihn in das Arbeitszimmer ihres Vaters.
Der Professor saß an seinem Schreibtische in dem weiten, freundlichen Raume, welcher seine Bestimmung bis in die Einzelheiten hinein nicht verleugnete. Er empfing den Adjunkten herzlich und unterbrach dessen Entschuldigung wegen der Störung in liebenswürdigster Weise. Er setzte sich neben ihn auf das Sopha und Frohwalt berichtete, was ihn herführte, und bat um seine Anschauung in der schwebenden Frage.