Dr. Holbert wurde ernst.

»Mein lieber Herr Doktor! Ich gönne Ihnen von Herzen, daß Sie die ewige Stadt sehen, aber, aufrichtig gestanden, hätte ich eine andere Veranlassung dazu gewünscht. Ich fürchte, Sie werden wenig Freuden dort erleben, um so mehr aber Enttäuschungen. Dieses Konzil wird der Kirche keinen Segen bringen, und was man dabei in Szene setzen will, ist mehr als bedenklich. Sie wollen meine ehrliche Meinung, und, wenn ich Sie recht verstehe, vor allem jene des Kirchenrechts-Lehrers. Nun, da sage ich kurz und bündig: Ein Glaubenssatz von der Unfehlbarkeit wäre geradezu ein Frevel. Was ist dann überhaupt noch Kirchenrecht, wenn der Papst unfehlbar ist? Es verliert alle und jede Festigkeit, denn das Oberhaupt der Kirche kann nach Belieben jeden durch die Ueberlieferung geheiligten Satz desselben vernichten, jeden die Kirchenzucht betreffenden neu einführen. Er kann beliebig jede Diözeseneinteilung aufheben, alle Benefizien beseitigen, Ehehindernisse nach Gutdünken schaffen und verwerfen, jedes Recht des einzelnen Bischofs aufheben, nach Belieben eingreifen in die heiligsten Verhältnisse der Ehe, der Kindererziehung, in die Ausübung der Sakramente, so daß man ohne weiteres behaupten darf, daß es unter einem solchen Glaubenssatze in der Kirche überhaupt kein eigentliches Recht mehr gebe, sondern eine Herrschaft der reinen Politik. Wohin das führen sollte, ist ersichtlich. Dem Papste gegenüber gäbe es kein Recht eines Bischofs oder Erzbischofs mehr, derselbe urteilte in allem ganz wie es ihm beliebte, und wehe dem Kirchenfürsten, der nun nicht ganz mehr so tanzen wollte, wie von Rom aus gepfiffen würde. Lüge, Verleumdung und Angeberei gerade gegen die besten, ehrenwertesten Bischöfe käme an die Tagesordnung, die schmutzigste, ultramontane Presse, sobald sie nur dem Papste zu schmeicheln verstünde, wäre oben auf … ach, und in dogmatischer Hinsicht selbst – welch ein trostloser Gedanke für das gläubige Gemüt, daß es unter diesem neuen Glaubenssatze überhaupt feste Glaubenslehren nicht mehr gäbe. Bis jetzt wußte der gläubige Katholik – und das konnte ihm eine schöne Beruhigung gewähren – daß nur das gelehrt werden dürfe, was aus der Bibel und den Kirchenvätern als immerwährender Glaube in der Kirche vorhanden war, und nun sollte auf das Gebot des Papstes hin alles Beliebige zum Glaubenssatze gemacht werden können?«

»Aber so weit würde das doch nicht gehen – von allem Beliebigen könnte doch wohl nicht die Rede sein,« wendete Frohwalt etwas zaghaft ein.

»Und weshalb nicht? Warum sollte der Papst nicht die konstitutionelle Staatsverfassung, die Parität und anderes von seinem Stuhle aus als ketzerisch erklären? Betrachten Sie doch den Syllabus und die Encyklika, und bedenken Sie, daß, wenn der Papst für unfehlbar erklärt wird, auch alle seine Erlasse, von Anfang seiner Regierung an unfehlbar und darum unabänderlich sein müssen. Ich weiß nicht, welchen Standpunkt Sie einnehmen, ich bin duldsam auch gegen Andersgläubige und sehe gerade darin das Wesen des wahren Christentums; ich würde mich, falls die Unfehlbarkeit zum Glaubenssatze würde, trotz meiner kirchlichen Gesinnungen als unter dem Banne betrachten müssen, denn Nummer siebzehn des Syllabus erklärt es für einen Irrtum, daß man hoffen dürfe, daß auch Andersgläubige die ewige Seligkeit erlangen können. Ich habe einen lieben Freund, seine Frau ist protestantisch – ein prächtiges Weib – und ich sollte annehmen müssen, daß der Mann alle Hoffnung darauf, daß seine Frau die ewige Seligkeit erlange, aufgeben müsse? – Das ist nach meiner innersten Ueberzeugung Gotteslästerung! Sie kennen ja auch den Syllabus, und ich glaube, es genügt dieser Hinweis.«

Frohwalt wurde es einigermaßen unbehaglich. Er schätzte Dr. Holbert ganz außerordentlich, und empfand beinahe etwas wie Beschämung, als er diesen von Duldung reden hörte. Er hatte nicht den Mut, einzugestehen, daß er gerade den erwähnten Passus des Syllabus ganz besonders hoch gehalten und geradezu bethätigt hatte. Er zwang sich beinahe zu der Frage:

»Und welchen Zweck sollte man mit dem neuen Glaubenssatze eigentlich anstreben?«

»Aber, mein lieber Herr Doktor, das ist ja sonnenklar; man will die unbeschränkte kirchliche Macht damit feststellen.«

»Sollte man nicht einfach bemüht sein, das in den Augen der Welt einigermaßen erschütterte Ansehen der Kirche wieder herzustellen?«

Dr. Holbert zuckte die Achseln.

»Ich zweifle nicht, daß man dies als Beweggrund betonen wird, um die Sache unverfänglicher erscheinen zu lassen. Sehen wir aber genauer zu, wo das Ansehen der Kirche am meisten gesunken ist, so zeigt es sich, daß es da geschah, wo man es am stärksten betonte, in den strengkatholischen Staaten, in welchen eine unbeschränkte Regierungsgewalt mit dem Jesuitismus Hand in Hand gegangen ist. Und wohin das jesuitische Erziehungssystem geführt hat, ist den sachlich Urteilenden nicht unklar. Eine Fülle von Aeußerlichkeiten in Wissenschaft und religiösem Wandel ist dabei zu Tage gekommen. Prüfen Sie doch die Jesuitenzöglinge auf ihre Gründlichkeit und vor allem auf ihre wissenschaftliche Unbefangenheit, und Sie werden Wunder erleben. Ich weiß es aus Erfahrung. Die ganze Erziehung arbeitet lediglich nach der Schablone, und wie die Wissenschaft nur rein äußerlich angeeignet wird, so ist es auch mit dem Glauben. Auf beiden Gebieten ist darum eine bedauerliche, aber geflissentlich großgezogene Unselbständigkeit vorhanden. Das können Sie bei jeder Mission sehen. Die Leute sind wie weiches Wachs in den Händen der Jesuitenprediger, drängen sich zu den Beichtstühlen, zerfließen in Thränen, und im nächsten Augenblick begehen sie die alte Sünde wieder, um am andern Tage wieder scheinbar reuevoll vor dem Missionar auf die Kniee zu fallen. Glauben Sie mir, die Sittenlosigkeit, die ohne Zweifel zumal in den romanischen Ländern vorhanden ist, ist die Folge der durch dieses System großgezogenen rein äußerlichen Werkheiligkeit, bei welcher der Mensch noch überdies in ununterbrochener Angst lebt, daß er nur nicht eines der Gebote übertrete. Und darin sehen deshalb Tausende ihre ganze religiöse, kirchliche Lebensaufgabe, während ihr Gottesdienst ein Lippengebet, ihre Buße die mindest einmalige jährliche Beichte ist, und das genügt, wenn sie im übrigen nur das Ansehen der Kirche, richtiger das des Pfarrers, Bischofs und so weiter gebührend anerkennen und sich vor ihm demütig beugen.«