»Sie malen mit düsteren Farben, Herr Professor.«
»Ich male nach der Natur, mein lieber Herr Doktor, und ich wollte, ich könnte etwas Freundlicheres auf der Palette haben. Ihnen scheint es düster, weil Sie – und Sie dürfen mir die Aeußerung nicht übel nehmen – infolge Ihrer ganzen theologischen Erziehung nicht unbefangen sind, ich aber lasse mich nicht beeinflussen von irgend welchem Standesvorurteil, und dabei finde ich bei größtem Wohlwollen für die Kirche und ihre Priester, bei treuester Anhänglichkeit an dieselbe, die Gebrechen leichter heraus.«
»Sie sind also kein Freund des Jesuitenordens?«
»Ich kann mich für ihn und seine Grundsätze nicht erwärmen. Sie beurteilen ihn nach den Vertretern, welche Sie hier persönlich kennen gelernt haben und nach dem Umgang mit ihnen, und ich gebe Ihnen gern zu, daß man mit einem P. Klinkowström und andern sehr gut verkehren kann. Die Predigten des Erwähnten sind zudem geistvolle Feuilletons, die aber, wenn Sie ganz ehrlich sein wollen, zwar angenehm unterhalten, auch eine geistige Anregung bieten – erbauen, in tiefster Seele erfassen, hinausheben über das Zeitliche können sie nicht – vielleicht sollen sie es auch nicht, denn man hat Rücksicht zu nehmen auf das Publikum, und dies vergißt der Jesuitismus nie. Doch um auf unsern eigentlichen Gesprächsstoff und den Zusammenhang mit diesem zurückzukommen: Meinen Sie, daß Papst Pius IX. jemals von selbst auf den Gedanken gekommen wäre, die Unfehlbarkeit zum Glaubenssatz erheben zu lassen, wenn nicht die Jesuiten ihn darauf gebracht hätten? – Sie sind es, die den schwachen Greis völlig in der Hand haben, und es ist zuletzt nicht die Macht des päpstlichen Stuhles, sondern ihre eigene, wofür sie arbeiten. Und das ist für mich gleichfalls ein Grund, mich gegen den neuen Glaubenssatz auszusprechen. Ich werde das um so entschiedener thun, als ich mir darauf hin die Jesuitenmoral etwas genauer angesehen habe und mich nicht überzeugen kann, daß dieselbe der Welt oder der Kirche zum Segen sei. Sehen Sie hier – diese Auszüge!«
Der Professor nahm eine Anzahl einzelner Blätter von seinem Schreibtische.
»Wollen Sie das Wesentliche ihrer Grundsätze? Das ist die Lehre vom Probabilismus und: der Zweck heiligt die Mittel. Ihnen wird man stets vorgehalten haben, daß das Letztere eine Erfindung der Feinde des Ordens sei, daß trotz aller Aufforderungen und Preisaussetzungen noch niemand diesen Ausspruch habe einem Jesuiten nachweisen können, aber auch das ist echt jesuitisch. Gefallen ist dieses Wort in so offener Weise vielleicht niemals, aber die Thatsache, daß ihre Moral darauf hinausläuft, ist nicht wegzuleugnen. Oder ist es etwas anderes, wenn selbst die ärgsten Laster je nach den Umständen nicht bloß entschuldigt, sondern sogar gebilligt werden von ihren Schriftstellern? Ich habe hier die Schriften eines Vasquez, Perez de Lara, Suarez, Gomez, Veracruz, Dias, Dealkozer und vieler anderer, und Sie können mir glauben, daß ich sie vorurteilsfrei und gewissenhaft studiert habe, und was ich fand, hat mich traurig und zornig zugleich gemacht. Sehen Sie, ich greife auf Geratewohl in meine Zettel. Hier der Pater Kaspar Hurtado sagt de sub. pecc. diff. 9: ›Einer, der eine Pfründe besitzt, kann ohne eine Todsünde den Tod desjenigen wünschen, welcher eine Leibrente auf diese Pfründe hat; auch kann ein Sohn den Tod seines Vaters wünschen und sich erfreuen, wenn derselbe erfolgt, jedoch nur um des zu erhaltenden Genusses willen, nicht wegen eines persönlichen Hasses.‹ Was sagen Sie dazu? – Und hier, bei Sanchez und Filutius: ›Man darf auch eine Unwahrheit beschwören, wenn man einen geistlichen Vorbehalt macht, das heißt, das Entgegengesetzte bei sich denkt.‹ – Ist das nicht: Der Zweck heiligt das Mittel? – Hier Eskobar im Kapitel über den Diebstahl: ›Frauen, welche am Spiele Freude haben, dürfen ihren Männern das Geld dazu entwenden.‹ – Hier, Sanchez in seiner Moraltheologie, 2. Buch, Kap. 89, billigt den Zweikampf, und bei derselben Materie sagt Navarrus, man dürfe einen Feind, der uns durch einen Prozeß unseres Gutes berauben will, sogar heimlicherweise töten. Auch Eskobar behauptet, seinen Feind zu töten, sei kein Verrat, selbst wenn es hinterrücks geschehe, ja selbst dann nicht, wenn man sich mit ihm ausgesöhnt und versprochen habe, seinem Leben nicht nachzustellen – vorausgesetzt, daß keine sehr enge Freundschaft bestehe. – Hier, Eskobar: ›Versprechen verpflichten zu nichts, wenn man, während man sie macht, sich vornimmt, sie nicht zu halten.‹ Hier der Pater Valentia im dritten Bande, Seite 2039: ›Wenn man ein zeitliches Gut für ein geistliches giebt, nämlich Geld für ein Benefizium oder eine Pfründe, so ist das eine augenscheinliche Simonie. Wenn man es aber giebt als ein Mittel, um den Willen desjenigen, der sie zu vergeben hat, zu bewegen, daß er dieselbe uns giebt, so ist dies keine Simonie, obwohl derjenige, der sie vergiebt, das Geld als sein vornehmstes Augenmerk betrachtet und erwartet.‹ Dasselbe findet sich bei dem Jesuiten Tanner im 3. Bande, Seite 1519. Heißt das nicht: Der Zweck heiligt das Mittel? – Ich will Ihnen nicht mehr Proben vorlegen, auch nicht von der Probabilitätslehre, nach der man unter mehreren Meinungen derjenigen zu folgen berechtigt ist, welche einem am besten gefällt, auch wenn eine andere wahrscheinlicher ist. Hier habe ich die Belege bei dem Jesuiten Emanuel Sa, im aphorismo de dubiis p. 183, bei P. Filutius aus Rom in Mor. Quaest tr. 21, cap. 4, no. 128, bei Sanchez und vielen anderen. – Aber verzeihen Sie: ich halte Ihnen hier eine Vorlesung über Jesuiten und Jesuitenmoral – das kommt davon, wenn man in einer Materie arbeitet, auch wenn sie wenig erquicklich ist – aber es soll mir lieb sein, wenn Sie aus alledem erkennen, wie sehr es nötig ist, angesichts des Konzils und der neuen Lehre auf der Hut zu sein vor einer Ueberrumpelung, denn nicht im Vatikan, sondern bei dem Jesuitengeneral laufen die letzten Fäden der gegenwärtigen Bewegung zusammen.«
Frohwalt hatte mit steigender Erregung den im ruhigsten Tone gehaltenen Auseinandersetzungen gelauscht, und fand auch nun, nachdem Professor Holbert schwieg, nicht gleich das geeignete Wort. Endlich sagte er:
»Ich bin Ihnen dankbar für Ihre Mitteilungen, wenn ich auch gestehen muß, daß sie eine Umwälzung in mehr als einer Hinsicht in mir zu bewirken geeignet sind. Das alles kommt mir zu plötzlich, zu überwältigend, das muß ich mit mir verarbeiten, und Sie verzeihen, wenn ich betreffs der Jesuiten nicht sogleich volle Zustimmung und das richtige Wort finden kann. Betreffs der Unfehlbarkeit aber bin ich durch Ihre Darlegung befestigt worden in der Meinung, welche ich bisher besessen, und ich weiß nun, daß ich ruhig nach Rom gehen werde, um so mehr, als ich auch nach den Aeußerungen des Herrn Professor Meyer die Zuversicht habe, daß Seine Eminenz und zweifellos auch andere Kirchenfürsten niemals einem solchen Glaubenssatz zustimmen werden.«
Holbert zuckte leicht mit den Achseln: