»Hoffen Sie nicht zu viel, mein lieber Freund! Wir wollen den Himmel bitten, daß er Unheil abwende von unserer heiligen Kirche und wollen selbst fest bleiben bei ihrer alten, guten Lehre, geschehe auch, was wolle!«
»Ja, Herr Professor, das wollen wir!« sagte Frohwalt warm und herzlich, und die beiden Männer legten einen Augenblick schweigend Hand in Hand.
»Und nun kommen Sie zu einer Tasse Kaffee, Therese wird sich freuen …«
»Entschuldigen Sie mich heute, Herr Professor, mir ist die Seele zu voll, ich muß einige Stunden für mich allein sein!«
»Ich verstehe Sie und darf Sie nicht zurückhalten!«
Noch einmal reichten sie sich die Hände, dann ging der Adjunkt. Als er in das Vorzimmer kam, stürzte aus dem Salon Hans Stahl in höchster Erregung an ihm vorüber, ohne Gruß und Wort. Langsam folgte er ihm die Treppen hinab; auf der Straße aber konnte er keine Spur mehr entdecken von dem Extheologen. Er kümmerte sich um denselben auch nicht weiter, sondern schritt durch die Hibernergasse hinaus gegen die Bastei, und dort ging er mit gesenktem Haupte, nach innerer Ruhe ringend.
Durch seine Seele fegte es wie ein Gewittersturm, und zwei Dinge vor allem waren es, die ihn mächtig bewegten, zwei Worte, die wie zündende Blitze ihn durchzuckt hatten. Das eine war das, was Holbert von der Duldung gesprochen hatte, das andere dessen Ansichten über den Jesuitenorden. Hätte ein anderer solche Aeußerungen gethan, so würde Frohwalt von heiligem Zorn erfüllt worden sein, aus diesem verehrten Munde aber hatten sie ein gewaltiges Gewicht. Der Professor galt bei allen nicht bloß als ein durchaus charakterfester Ehrenmann, sondern auch als das Muster eines wahrhaft religiös gesinnten Mannes; seine Worte waren darum auch seine Ueberzeugung und ein Mann von seiner Bedeutung sprach eine solche nicht aus, ohne sie zuvor in seiner Seele fest und sicher begründet zu haben. Es mußte doch etwas an der Forderung der Duldung sein, wie sie dieser herrliche Mann in derselben Weise wie der Vetter Martin betonte; sie mußte menschenwürdig und edel und mit dem innersten Kerne des Christentums im Einklang sein. Das gab ihm zu denken.
Noch mehr aber das andere. Er war durch seine Studie und seine Erziehung im Seminar gewöhnt worden, die Jesuiten als die edelsten und mutigsten Vorkämpfer der katholischen Kirche zu betrachten; er hatte darum in eigenen Gewissensnöten gerade bei ihren Beichtstühlen Rat und Trost gesucht, aber er mußte sich in dieser Stunde gestehen, daß er, als er zum letzten Male nach dem Tode des alten Pfarrers bei St. Ignaz auf dem Karlsplatze gewesen, unbefriedigt und wenig erhoben von dannen ging, ja daß er daheim gerade durch einen jesuitischen Ausspruch betreff des Probabilismus schwankend und unsicher geworden war. Was er heute von der Moral der Jesuiten auf Grund unanfechtbarer Belege – und an deren Echtheit war bei dem Charakter Holberts nicht zu zweifeln – erfahren hatte, ließ ihn sein ganzes eigenes theologisches Wissen höchst unsicher und einseitig erscheinen. Warum wurden von den Moraltheologen derartige Lehren verheimlicht, beziehungsweise nicht verurteilt? Lag in dem Orden wirklich eine solche Macht, daß man nicht den ehrlichen Mut fand, seitens der kirchlichen Gelehrten gegen ihn vorzugehen, oder hatte derselbe wirklich die höchste Gewalt in der Kirche, so daß er daran denken konnte, auch das Papsttum zu seinem Werkzeug zu machen?
Wie dem auch war, Frohwalt fühlte, daß sich in seinem Geistesleben eine Wandlung zu vollziehen anfing, aber er wußte auch, daß dieser Vorgang noch Stunden schwerer Kämpfe im Gefolge haben werde. Wenig beruhigt kam er gegen Abend heim, und bis tief in die Nacht brannte an seinem Tisch die Lampe.
Auch Hans Stahl fand an diesem Abend keine Ruhe. Er war am Nachmittage mit pochendem Herzen zu Professor Holbert gegangen, und in der stillen Hoffnung, nachdem er der Theologie untreu geworden, auf Therese einen günstigen Eindruck zu machen. Er nahm es als ein gutes Vorzeichen, als das Mädchen ihn empfing, und, da ihr Vater zur Zeit mit Frohwalt in seiner Studierstube war, ihn nach dem freundlichen Salon führte. Eine kleine Befangenheit, welche sie bei seinem Anblick in Erinnerung an den Vorgang im Beth Chajim erfaßt hatte, überwand sie mit der Sicherheit der Weltdame rasch genug, und so kam sie ihm wie immer entgegen, und als ob jene Stunde nie zwischen ihnen gewesen wäre.