Gerade das ermutigte Hans Stahl. Sie hatte ihm ihre Verwunderung ausgesprochen über seine äußere Erscheinung und nun erzählte er ihr mit einer gewissen freudigen Erregung von der Wandlung, welche in seinen Verhältnissen eingetreten war. Dann fuhr er, beim Anblick des schönen Mädchens wärmer werdend, fort: »Ich habe den Drang, mit ganzer Kraft mich der Kunst zu widmen, und wage zu behaupten, daß ich nicht der schlechteste ihrer Jünger sein werde, wenn ich die schönste Hoffnung hegen darf, meinen jungen Lorbeer einst zu Ihren Füßen niederlegen zu dürfen.«
Theresens Antlitz überflog eine Röte; der Jüngling aber schien dieselbe zu mißdeuten, und so faßte er nach ihrer Hand, und hielt sie fest, obwohl das Mädchen sie ihm zu entziehen strebte, und dabei stammelte er mit stockendem Atem:
»Sie wissen, wie unendlich lieb ich Sie habe, daß Sie die Sonne meines Lebens, das Licht meines Schaffens sind, daß ein Wort von Ihnen mich selig und elend macht. Heute darf ich mit mehr Recht von meiner Liebe reden als damals – o Therese, lassen Sie einen Schimmer des Glückes auf mich fallen, in Ihnen lebt mir ja alles, was mir das Dasein begehrenswert macht – –«
Das Mädchen war aufgesprungen und hielt wie abwehrend die Hände gegen Stahl ausgestreckt; jetzt unterbrach sie den heißen Fluß seiner Rede:
»O mein Gott, Herr Stahl, ich darf Sie ja nicht anhören, sprechen Sie nicht weiter! Ich will Ihnen sagen, daß Sie mir lieb und wert sind, daß …, aber weshalb davon sprechen, ich muß Ihnen Mut und Hoffen rauben, wenn Sie es wirklich auf mich gesetzt hatten – ich bin so gut wie verlobt mit Dr. Haller, und unsere Beziehung wird in den nächsten Tagen veröffentlicht!«
Hans Stahl fühlte, wie alles Blut aus seinem Antlitz wich, wie er, von einem Schwindel erfaßt, zurücktaumelte auf seinem Sitze, dann schlug er beide Hände vor die Augen, aber ein Wort fand die gequälte junge Seele nicht. Therese wurde von tiefem Mitgefühl erfaßt; sie legte ihre Hand leicht auf seinen Arm, die Wahrheit und Tiefe seines Empfindens erschütterte sie:
»Fassen Sie sich, Hans … wir wollen recht gute Freunde bleiben!«
»Ein Bettelbrot!« preßte er hervor, dann stieß er beinahe heftig die Hand des Mädchens von seinem Arme hinweg, sprang auf und eilte hastig, ohne Gruß, davon.
Er war lange in den Straßen hin- und hergelaufen, ehe er heimging in die freundliche Stube, welche er in der Eisengasse bewohnte. Er hatte eine Leinwand auf der Staffelei beim Fenster; die stieß er hinab und trat mit dem Fuße hinein, ihm war die Kunst und beinahe sein Leben verleidet. Mit seinem Schmerz über den Verlust der Geliebten mischte sich aber der Zorn gegen den glücklichen Nebenbuhler, und dieser begann zuletzt bei ihm zu überwiegen. Er haßte diesen Dr. Haller, so lang er ihn kannte, er hatte die Empfindung, als könne derselbe Therese niemals wirklich glücklich machen, und immer mehr lebte er sich in den Gedanken hinein, daß er sie auch nicht besitzen dürfe.