Seinem etwas phantastischen Wesen erschien es in dieser Stunde als das Richtigste, seinen Nebenbuhler herauszufordern und zwar gleich zu einem Pistolenduell über das Taschentuch. Ihm war es ganz gleichgültig in seiner jetzigen Stimmung, wenn er dabei zu Grunde ging, wenn nur auch der Verhaßte nicht die Braut heimführte. So kam es, daß er nach manchem Erwägen noch in der Nacht sich hinsetzte und thatsächlich eine Herausforderung an Dr. Haller schrieb, die er auch noch zur selben Stunde hinabtrug nach dem nächsten Briefkasten. Er schlief erst gegen Morgen ein und hatte die wunderlichsten und zugleich beängstigende Träume, so daß er wie in Schweiß gebadet erwachte.

Doch bereute er am Morgen nicht, was er gethan hatte und sah mit Spannung der Antwort Dr. Hallers entgegen. Sie traf bereits gegen Abend bei ihm ein: ein Dienstmann hatte sie überbracht und lautete:

»Mein Herr Stahl! Ihre Stilübung ist mir zugegangen und ich glaube nicht, daß Sie bei ruhiger Erwägung mir zumuten werden, dieselbe ernst zu nehmen. Ich habe sie darum auch nicht dem Staatsanwalt, sondern dem Papierkorb übergeben und erachte damit die Sache für erledigt.

Ergebenst

Dr. Haller.«

Stahl war außer sich über den kalten Hohn des verhaßten Menschen, den er mit Wollust hätte erschlagen, erschießen, erwürgen mögen. Er war auch nicht geneigt, diese geringschätzige Behandlung ruhig hinzunehmen; er sah vielmehr darin einen Ausfluß von Feigheit und gedachte, seinen Gegner, wenn Worte nichts vermochten, durch die That zu überzeugen, daß seine »Stilübung« ernst zu nehmen sei. Den ganzen Tag rannte er ruhelos durch die Gassen und erwog einen Plan um den andern, ohne zu einem Entschlusse kommen zu können. Anfangs hatte er daran gedacht, Dr. Haller in seiner Wohnung aufzusuchen und ihn thätlich anzugreifen, doch verwarf er das aus mehr als einem Grunde; am allerliebsten wäre er ihm im Hause Holberts, in Gegenwart Theresens an die Kehle gesprungen, aber das war ja thöricht.

So hatte er sich den Tag über ziellos herumgetrieben und war immer in die Nähe der Zeltnergasse gekommen, wohin ihn sein Herz zog und der Haß zugleich, denn er vermutete, daß Haller mindestens gegen Abend zu seiner Braut gehen werde.

Darin hatte er sich auch nicht getäuscht. Er sah den Verhaßten in der neunten Abendstunde vom Altstädter Ringe herankommen, ein überlegenes Lächeln um die Lippen, mit einem kleinen Stöckchen spielend, und in Stahls Seele bäumte sich der Haß auf. Die Straße war belebt, einen Angriff, welcher hier erfolgte, mußte jener als schwere Beleidigung empfinden …