»Sagen Sie mir doch, wer war denn eigentlich der wunderliche alte Kauz, der auf dem Gottesacker den Primizianten anredete, dieser »Vetter« Martin? Auf mich machte er einen Eindruck wie Ahasver, der ewige Jude.«
Der alte Pfarrer lächelte gutmütig.
»Etwas von Ahasver haftet ihm wirklich an; er ist ein ewiger Wanderer, der schon ein gut Stück Welt gesehen und viel erfahren hat. Er ist mit Pater Frohwalt gar nicht verwandt, aber mit dessen Vater so befreundet gewesen, daß er als Vetter in der Familie gilt. Er ist ein prächtiges Original, welchem man gerne manches nachsieht, denn in tiefster Seele ist er gut. Sein Vater war ein Kaufmann hier im Orte und hat sein Schäfchen ins Trockene gebracht. Der Sohn sollte studieren und hat's auch mit der Theologie versucht. Aber er gab's bald auf, trieb dann Naturwissenschaften und Altertumskunde, und als damals sein Vater starb, kam er hierher, verkaufte das Geschäft des Alten, erwarb sich ein kleines Häuschen in der Berggasse und fing nun an zu wandern. Er lebt sehr bescheiden – man sagt, daß er nur Brot und Vegetabilien genieße – und verwendet sein bischen Rente auf seine Reisen. Er war schon in Rußland, Frankreich, in der Schweiz, in Ungarn, in Schweden und Gott weiß wo – und überall zu Fuß. Wenn er wieder einmal heimkommt, bringt er mancherlei mit, so daß er ein richtiges kleines Museum in seinem Häuschen hat … wie gesagt, ein Original, aber keines von den schlechtesten.«
Jetzt kam der Primiziant mit seinen beiden Verwandten und alle wurden herzlich begrüßt. Nicht lange darauf konnte man zu Tische gehen. Das Speisezimmer in der Pfarrei lag ebenerdig und nach dem Garten zu, und es herrschte eine behagliche Ruhe darin; auch das matte, durch die rebenumrankten Fenster aufgehaltene Licht wirkte stimmungsvoll. Der lange Tisch war mit blendendweißem Linnen gedeckt, und zwischen den Blumenvasen standen lang- und kurzhalsige Flaschen: Der alte Pfarrer schien zu Ehren des jungen Priesters alles aufzubieten, was sein Haus und seine Köchin leisten konnten.
Peter Frohwalt erhielt den Ehrenplatz an der Mitte der Tafel auf einem bekränzten Sitze; ihm zur Rechten saß seine Mutter und neben ihm der Pfarrer, zu seiner Linken seine Schwester, welche den Guardian als weiteren Nachbar hatte. Es wäre nicht ohne Interesse gewesen, diese Gesichter zu betrachten: Das jugendlich frische Antlitz des Primizianten mit seinen leuchtenden blauen Augen, die halb verlegen, halb glückselig dreinschauenden beiden Frauen, das milde, sanft gerötete Gesicht des greisen Pfarrers, das von dem Kranze schneeiger Haare freundlich umrahmt war, die energischen und doch sympathischen Züge des Guardians, dem der lange, graumelierte Bart auf die braune Kutte weit herabsank, die feisten Wangen und lauernden Augen des fremden Pfarrers, einige gleichgültige Dutzendgesichter anderer Geistlicher und am untern Ende das hagere, blasse Antlitz des jungen Stadtkaplans, aus welchem ein Paar stechende, schwarze Augen stark hervortraten … das alles hatte sich in dieser Tafelrunde zusammengefunden.
Der alte Pfarrer hatte das Tischgebet gesprochen und die Stimmung wurde bald genug zwanglos und belebt; auch die Frauen legten die anfängliche Scheu ab, und Marie unterhielt sich heiter mit dem gesprächigen Kapuziner. Nur der Kaplan blieb ernst und gemessen.
Toaste waren ausgebracht worden, die Flaschen auf dem Tische leerten sich, und der Nachmittag lief gegen den Abend zu. Da klopfte es an der Thüre, und gleich darauf trat ein alter Mann ein und kam langsamen Schrittes auf den Pfarrer zu. Es war der Küster. Er war seit nahezu vierzig Jahren in seinem Amte und durfte sich deshalb auch manche Vertraulichkeit erlauben. Darum trat er ohne weitere Anmeldung hier ein.
Der Pfarrer sah darin auch nichts Besonderes; er lehnte sich behaglich in seinem Sitze zurück, wischte sich den Mund mit der Serviette und fragte:
»Na, was bringen Sie denn, Hummel?«
»Hochwürden, Herr Pfarrer, die Frau vom Uhrmacher Freidank ist vor zehn Minuten gestorben, und da wollt' ich fragen, ob ich das Totenglöckel läuten soll – – weil sie doch eine Evangelische – –.«