Das Lächeln auf den Lippen des greisen Priesters erlosch, aufrichtiges Mitleid stand in seinen guten Augen, aber zugleich auch ein gewisser Ausdruck ängstlicher Hilflosigkeit.
»Das ist ja sehr traurig – das thut mir herzlich leid – – es war ein so rechtschaffenes, hübsches Paar! Der arme Freidank! – Ja, das Sterbeglöckchen – ja – ja – na, ich hätte ja eigentlich – hm – was meinen Sie, Pater Ignaz?« Mit der letzten Frage wandte er sich an den jungen Kaplan, der mit seinen scharfen Augen ihn fest anschaute und nun mit wenig klangvoller, ganz ruhiger Stimme sagte:
»Davon kann doch wohl nicht die Rede sein, Herr Pfarrer; das ist eine Ehre, die nur dem katholischen Christen zukommt, dessen Seele damit dem Gebet der Gläubigen empfohlen wird; dem Protestanten nützt das Gebet nicht, denn er kann des Himmels nicht teilhaft werden!«
Ein lautes Aufschluchzen unterbrach die peinliche Stille, welche diesen Worten gefolgt war, und alle Augen wendeten sich nach Marie, welche ihr Gesicht in den Händen barg; die Todesnachricht und nun noch dieses harte Wort schnitten ihr in die Seele, und zwischen Schluchzen und Weinen preßte sie heraus:
»Sie war sehr gut, und ich glaube, daß sie in den Himmel kommt!«
Ein strafender Blick aus den Augen des Kaplans, die sich mit jenen des fremden Pfarrers seltsam und verständnisvoll kreuzten, traf sie, der alte Stadtpfarrer aber sagte mit gepreßter Stimme: »Na ja, Hummel, dann muß es freilich unterbleiben – ein kleiner Unterschied zwischen Katholiken und Evangelischen wird schon gemacht werden müssen – na ja!«
Der alte Kirchendiener ging mit gesenktem Kopfe, ohne einen Gruß, mit langsamen, müden Schritten hinaus … im Speisezimmer selbst aber war es vorbei mit der Feststimmung. Peter Frohwalt erhob sich unter dem Vorwande, daß er an diesem Tage noch eine Stunde stiller Sammlung für sich haben wolle und entfernte sich mit Mutter und Schwester, die Zurückbleibenden aber waren ernst und schweigsam geworden. Endlich sagte der Guardian:
»Daß man nicht beten soll für einen guten, braven Menschen, auch wenn er nicht unseres Glaubens ist, geht gegen meine Meinung von der Nächstenliebe und von der Güte Gottes; ich werde der Frau Freidank in der Messe gedenken.«
Ein heißer Strahl zuckte über die Wange des Kaplans, er preßte die schmalen, blutleeren Lippen aufeinander, als der alte Pfarrer hinzufügte:
»Das will ich ebenfalls thun – Gott gebe dem armen jungen Weibe die ewige Ruhe!«