Elftes Kapitel.
Zu Beginn des Herbstes fand die Hochzeit Theresens mit Dr. Haller statt und zwar auf besondern Wunsch der Braut in der freundlichen Kirche bei den Kapuzinern zu St. Josef, und P. Severin war es, welcher die Trauung vollzog. Als Professor Holbert dem Guardian diese Bitte Theresens vortrug, war der würdige alte Herr einigermaßen in Verlegenheit gekommen, aber da sein junger Ordensbruder ihm seine einstige Herzensbedrängnis in der Beichte anvertraut hatte, mochte er darüber nicht sprechen, sondern erklärte, daß er die Entschließung darüber P. Severin selbst überlassen müsse.
Zu seiner Verwunderung nahm dieser den Wunsch scheinbar völlig ruhig auf, und erklärte sich bereit, denselben zu erfüllen; er fügte seinem milden, freundlichen Ordensvorgesetzten gegenüber bei, er betrachte auch das als eine Buße, welche ihm der Himmel auferlegen wolle.
So fuhren am festgesetzten Tage eine Anzahl Kutschen vor dem Thore des Klösterchens vor und zwischen der gaffenden Menge hindurch führte Dr. Haller, dessen äußere Erscheinung heute besonders vorteilhaft aussah, die liebliche Braut, die in ihrem weißen Gewande, mit dem Myrtenkränzlein im Haare einer anmutigen, frischen Blüte vergleichbar war.
Hinter ihnen schritt Professor Holbert mit der Mutter des Bräutigams am Arme und die andern Gäste, eine kleine, aber vornehme und auserlesene Schar.
Das Kirchlein hatte sich zur Feier besonders geschmückt, und weihevoller Orgelklang kam dem Brautpaare entgegen, das auf rotsammtenen Kissen auf der untersten Stufe des Altars niederkniete. Jetzt erschien aus der Sakristei der junge Priester. Er allein sollte die heilige Handlung vornehmen, ohne jede Assistenz, so hatte es Therese gewünscht, und Professor Holbert war mit der Einfachheit in jeder Hinsicht völlig einverstanden. Die Angehörigen des Bräutigams hätten freilich mehr Aufsehen gewünscht.
Severin war so blaß, wie wohl nie im Leben; sein wallender dunkler Bart ließ die Blässe noch mehr hervortreten, und seine Augen hatten einen müden Schimmer. Niemand ahnte, was in der Seele des jungen Priesters vorging, welchen furchtbaren Kampf er kämpfte und welche Selbstüberwindung er übte.
Gerade in diesen Augenblicken, da Therese, umwoben von dem ganzen jungfräulichen Liebreiz, in dem weißen, duftigen Gewande vor ihm kniete, das liebliche Haupt demutsvoll und fromm nach ihm emporgehoben, ging durch seine Seele ein unsagbares Gefühl heißen Schmerzes. O, die Entsagung verlangt von ihren Märtyrern fürchterlich harte Opfer! Das Herz des jungen Priesters zuckte und er konnte es nicht hindern, daß ihm davon auch die Hände bebten, als er sie wie zum Segen auf die mit der Stola umwundenen Hände des jungen Paares legte und dann über ihre Häupter hielt, und da er das Wort sprach, welches diesen Bund unauflöslich verknüpfen sollte, da meinte er, sein Herzschlag müsse stocken, und die Worte kamen heiser, hervorgepreßt von seinen Lippen.
Nun war es vorbei. Er wandte sich nach dem Altare zurück, hielt sich daran fest mit zitternden Fingern, und dann erst schritt er langsam, müde, wie ein gebrochener Mann, nach der Sakristei, um das Meßgewand anzulegen. Er mußte sich doch einige Augenblicke niedersetzen – er fühlte, daß er sich zu viel zugetraut hatte. – Dann erst ging er wieder zum Altare zurück, um die Messe für die Neuvermählten zu zelebrieren. Mit solcher Inbrunst hatte er vielleicht niemals noch das lateinische Meßgebet gesprochen, mit heißerer Andacht nie den Leib des Herrn in den Händen gehalten; er fühlte sich wie ein Sünder, und dennoch wie ein Sieger.