»Ite, missa est!« sprach er zum Volke gewendet; sein Blick streifte noch einmal die Lichtgestalt der jungen Braut, dann war das Schlimmste überwunden, aber er wußte kaum, wie er nach seiner Zelle gekommen war.
Hier warf er sich auf sein hartes Lager, schlug beide Hände vor das Gesicht und schluchzte in sein Kissen hinein; ihm war zum Sterben weh. »Der Menschheit ganzer Jammer« erfaßte ihn, niemals würde ihm ein Glück scheinen, das ihm, dem Entsagenden, als das höchste und herrlichste dünkte, das Glück, ein geliebtes Wesen am Herzen halten, in ihm aufgehen zu dürfen in Leid und Lust.
Plötzlich riß er sich empor, wild und zornig, mit den Händen faßte er nach den Knoten seines Gürtelstricks, er hätte sich am liebsten gegeißelt, um in qualvoller Selbstpeinigung zu vergessen, und da dies nicht wohl anging, sank er auf den Betschemel nieder, schlug das Haupt gegen dessen Kante, und so lag er vor dem schlichten Kreuzbilde lange auf den Knieen. Dann erhob er sich und ging zu dem Guardian. Er bat denselben, ihn fortzugeben in ein kleines, armes Klösterchen, wo es am meisten Entbehrung, Demütigung und Mühe gebe, ihn verlange nach Einsamkeit und Thätigkeit. Der alte, würdige Priester verstand ihn. Er sprach:
»Gott segne Sie, lieber Bruder, Sie sind auf dem rechten Wege, und der Herr wird Ihnen in dem Kampfe, welchen Sie so tapfer kämpfen, nicht den Sieg vorenthalten. Ich werde bei dem P. Provinzial Ihre Versetzung beantragen.«
Er drückte ihm herzlich die Hand; Severin ging, und schon acht Tage später befand er sich auf dem Wege nach der kleinen, freundlichen Landstadt, in welcher Peter Frohwalt daheim war. Als er den ihm wohlbekannten Ort unter sich liegen sah, als das rote Dach des Kapuzinerklösterchens mit dem kleinen Turme ihm zu winken schien, ging ihm die Seele auf; die Brust wurde ihm weit; er breitete die Arme aus, und mit rascheren Schritten ging er zu Thal.
Im Garten bei dem Kloster war Obsternte. Schwer von Aepfeln und Birnen beugten sich die Zweige, die wenigen Mönche aber, die hier lebten, waren, breitrandige Basthüte auf den Häuptern, beschäftigt, den Gottessegen zu bergen. Der eine stand auf der Leiter, ein zweiter hatte eine Schürze über sein Ordenskleid gebunden, und las auf, was herabfiel, und selbst der treffliche Guardian hielt einen fast gefüllten Korb am Arme. Als Severin bei ihnen eintrat mit seinem »Gelobt sei Jesus Christus!« und sie den Ordensbruder erkannten, ließen sie alles stehen und liegen. Der von der Leiter kam herab, und der Guardian umarmte und küßte ihn. Da ward es Severin unendlich wohl zu Mute, und alles, was sonst noch auf Erden war, versank hinter ihm wie ein Traum.
Ja, hier war es ungleich schöner, als in Prag. Kein Lärm und Geräusch störte die liebliche Idylle, und wenn er des Morgens das Fenster seiner Zelle öffnete und hinaussah ins freie, weite Land, das im Herbstsonnenglanz sich hindehnte, bis wo fern die blauende Hügelkette den Blick begrenzte, dann war er so ruhig und wunschlos, so glücklich in seiner Entsagung und Armut.
So vergingen ihm einige Wochen. Da geschah es, daß er eines Morgens, während er bei der Messe sich an dem Altar umwendete, in einem der vordersten Kirchenbänke eine Frauengestalt gewahrte, bei deren Anblick ihm alles Blut aus den Wangen wich. Es war kein Zweifel, daß es Therese war. Auch sie sah halb erstaunt, halb erfreut nach ihm hin, als er beim Segnen sich noch einmal umwendete, und in ihren Augen stand etwas wie ein stiller Gruß. Und da er nach dem Gottesdienste wie ein Träumer aus der Kirche heraustrat, um über den Hof hinweg nach dem Klösterchen selbst zu gehen, da trat sie ihm mit freundlichem Gruß entgegen und reichte ihm die Hand.
Er folgte dem Drange des Augenblicks, als er das feine, behandschuhte Händchen zwischen seine beiden Hände nahm, durch welche ein leises Zittern der Erregung lief, und mit nicht ganz sicherer Stimme fragte er, während seine Augen seltsam schimmerten:
»Wie kommen Sie hierher, Frau Doktor?«