»Ei, das wissen Sie nicht? Mein Mann hat sich seit drei Tagen als praktischer Arzt hier niedergelassen, und ich fühle mich in dieser ländlichen Umgebung ungemein wohl. Doppelt freut es mich, Sie hier zu wissen, und ich hoffe, daß Sie ab und zu uns besuchen werden. Wir wohnen neben der Mutter des Herrn Dr. Frohwalt.«

Severin stammelte etwas wie ein Dankeswort für die freundliche Einladung, dann ging er, während die junge Frau ihm einigermaßen befremdet nachblickte. In seiner Zelle angekommen, trat er ans Fenster. Wie ein Schleier lag es über dem Landschaftsbilde, das ihn bisher entzückt hatte, und wie ein Druck beschwerte es ihm die Brust. Er that einen tiefen Atemzug, dann sprach er mit Festigkeit halblaut:

»Herr, Du suchst mich heim! Sei es! Du willst, ich soll kämpfen, und ich will mich nicht Deiner Prüfung entziehen. Nur, guter Gott, lege mir nicht mehr auf, als ich tragen kann.«

Von diesem Tage an war Severin noch eifriger als bisher in aller Arbeit. Er war ein trefflicher Prediger, unermüdlich im Beichtstuhl und schaffte dabei in Haus und Garten trotz einem Laienbruder, so daß die andern Brüder in stiller Verwunderung ihn beobachteten und in ihm ein Musterbild eines Mönches sahen. Dabei war er stets heiter und gefällig, nahm jedem an Mühe ab, so viel er vermochte, und als einer der Brüder erkrankt war, pflegte er ihn mit peinlicher Sorgfalt Tag und Nacht.

So rang Severin mit sich selbst. –

Der Herbst schritt weiter vor, und man sprach überall von dem Zusammentritt des Konzils. In jenen Tagen kam Peter Frohwalt noch einmal heim, um, ehe er nach Rom ging, seine Mutter zu besuchen. Als er am Abend unvermutet bei ihr eintraf, fand er hier Therese Haller und seine Schwester, die ein winziges Kindlein, einen munter schauenden Knaben, in einem Steckkissen auf dem Arme trug.

Die Frauen waren, jede nach ihrer Weise, erregt, als sie ihn sahen; er nicht minder. Daß Therese in seiner Heimat war, wußte er allerdings, daß sie ab und zu seine Mutter besuchte, war ihm gleichfalls bekannt, und in diesem Augenblicke war ihm letzteres doppelt erfreulich, weil es ihn über das Peinliche der Begegnung mit seiner Schwester hinwegbrachte. So begrüßte er zuerst die Mutter mit Gruß und Kuß, und sie schloß froh und stolz die Arme um den stattlichen Sohn; dann reichte er Therese die Hand, welche sagte:

»Sehen Sie, wie wunderlich die Menschen sich zusammenfinden, Ihre liebe Mutter, Herr Doktor, läßt mich erst hier mich wohl fühlen, und ich komme in allen meinen Nöten als unerfahrene junge Frau zu ihr und bin glücklich, daß sie mich ein wenig als Töchterchen ansehen will. Und auch mit Marie habe ich mich auf freundschaftlichen Fuß gestellt. Und sehen Sie nur, was für einen kleinen, prächtigen Neffen Sie haben!«

Marie war schüchtern beiseite getreten, als sei sie eine Fremde, die kein Recht habe, hier zu sein; bei diesen Worten aber überflog ihre Wangen eine liebliche Röte, und verschämt blickte sie auf den schlafenden Säugling auf ihrem Arme nieder. Noch heißer aber ward das Rot, das sich bis unter die blonden Stirnhaare verlief, als ihr Bruder zu ihr herantrat, ihr die Hand hinreichte, sich über das Kind beugte und mild und freundlich sagte:

»Grüß Gott, Marie, und er segne Dir Deinen Kleinen!« Das übermannte das junge Weib, so daß ihr die Thränen hell über die Wangen rannen und daß sie die Hand des Bruders an die Lippen ziehen wollte; dieser wehrte jedoch ab.