Die alte Frau wurde redselig. Sie freute sich unendlich, daß ihr Sohn milder gegen seine Schwester war und bot nun alles auf, was sie nur irgend ihm vorsetzen konnte. So saßen die drei mit dem schlummernden Kinde beisammen, bis es anfing zu dämmern und Marie gehen mußte. Peter reichte ihr wiederum die Hand und sie huschte hinaus.
Nun fragte er die Mutter nach Diesem und Jenem. Was der Vetter Martin mache?
Der sei seit kurzem daheim und einigermaßen verdrießlich, weil sein Bein ihm immer wieder beim weiteren Wandern Störungen mache. Gegenwärtig ordne und katalogisiere er seine Sammlungen, aber vor Einbruch des Winters denke er doch noch einmal auszumarschieren.
Auch nach Dr. Haller erkundigte sich Frohwalt und die alte Frau machte ein einigermaßen bedenkliches Gesicht.
»Er ist das herzige Frauchen nicht wert. Ich bin zweimal bei ihr gewesen und habe gesehen, daß er sie mindestens nicht ganz höflich behandelt; das eine Mal machte er mir den Eindruck, als sei er betrunken. Sie läßt sich nichts merken, aber ich habe sie hier bei mir schon mit verweinten Augen gesehen.«
»Das ist schlimm und sollte mir leid thun um Therese. Wie schätzt man ihn als Arzt?«
»Gar nicht; er hat zwei böse Fehlkuren gemacht, und seitdem hat er wohl wenig zu thun; sie müssen in der Hauptsache vom Eigenen leben.« – –
Der Abend verging, und Frohwalt fühlte, als er am Abend sich in dem freundlichen Giebelstübchen in seinem Bette streckte, ein wohliges Behagen. Daheim bei der Mutter war es doch am schönsten, und daß er der Schwester Liebe gezeigt hatte, trug auch dazu bei, ihn in angenehme Stimmung zu versetzen. Am andern Morgen blieb er, obwohl er munter war, noch liegen. Die Stille im Haus und im Städtchen that ihm wohl und heimelte ihn an, und wenn er ab und zu den leisen Schritt der alten Frau hörte, welche wohl lauschen mochte, ob er bereits wach sei, um ihm den Morgenkaffee ganz frisch zu bereiten, so drückte er die Augen zu und lag ganz still und träumte sich zurück in vergangene Tage.
Als er zum letzten Male hier gewesen war, war er beinahe im Zorn und heißen Unmut geschieden; diesmal wollte er das gutmachen, denn seine Schwester konnte trotz alledem, was geschehen war, nicht schlecht sein, wenn Therese sie ihrer Freundschaft wert hielt. So lachte ihm das Städtchen noch einmal so freundlich entgegen, als er seine Besuche machte. Acht Tage Urlaub hatte er sich erbeten, ehe er nach der ewigen Stadt gehen wollte auf längere Zeit, und er hatte das Bedürfnis, wie wenn er vor einem großen Lebensabschnitt stünde, noch einmal die Stätte und die Menschen zu sehen, mit denen er daheim bekannt und erwachsen war.