Er machte zuvörderst seinen Besuch auf der Pfarre; der alte, liebe Pfarrer empfing ihn herzlich und gütig; er freute sich, ihn so in Ehren und Ansehen zu wissen, und vermied dabei, über seine Familienbeziehungen zu sprechen, weil er ihn von früher her kannte. Als die Rede auf das Konzil kam, sagte er:
»Glauben Sie, daß man die Unfehlbarkeit zum Glaubenssatze erheben wird?«
»Ich hoffe zu Gott, daß es nicht geschieht,« erwiderte Frohwalt – »und hege diese Zuversicht um so mehr, als die eben jetzt in Fulda versammelten deutschen Kirchenfürsten an die Katholiken Deutschlands in diesen Tagen eine Ansprache erlassen haben, die kurz betonte: Man solle ruhig sein und Gott vertrauen; es werde keine neue Lehre aufgestellt werden.«
Der alte Priester schüttelte das weiße Haupt:
»Ich bin ein einfacher Landpfarrer und rühme mich keiner theologischen Gelehrsamkeit, aber ich meine, es hätte richtiger gesagt werden müssen: die Unfehlbarkeit ist keine neue Lehre oder: sie wird nicht aufgestellt werden. – Na, ich füge mich allem: Wenn der Herr Kardinal-Fürst-Erzbischof sie als Glaubenslehre annimmt, thue ich es auch, selbst wenn ich es für keinen Segen halten könnte. Ich bin ein alter Mann und möchte keine äußere und innere Unruhe haben.«
Frohwalt ging einigermaßen verstimmt von dannen und suchte, da es der Anstand einmal verlangte, den Kaplan auf. Der war verbittert nach allen Beziehungen. Er schwur auf die Unfehlbarkeit des Papstes und beklagte es, daß man daran überhaupt noch zweifeln könne; für ihn brauche es kaum noch einen ausgesprochenen Lehrsatz: der Papst als Statthalter und Stellvertreter Christi auf Erden müsse unfehlbar sein. Frohwalt hielt es nicht der Mühe wert, mit dem Eiferer, der nicht ernst zu nehmen war, über die Sache sich zu unterhalten, und jener sprang auf anderes über. Er beklagte die allzu große Duldung des Pfarrers, der es zuzuschreiben wäre, daß der Protestantismus in der Stadt an Boden gewinne; seit Freidanks Uebertritt bestehe bereits eine kleine ketzerische Gemeinde hier, und er beklage besonders tief, daß die Schwester eines katholischen Priesters dazu gehöre.
»Hier hat meine Macht eine Grenze, Hochwürden,« sagte ihm Frohwalt, »und ich bin nicht im Stande, meine Schwester bedingungslos zu verdammen, wenn ich auch niemals ihren Schritt billigen werde. Ob die Duldung des alten Herrn das Anwachsen des Protestantismus allein zu verantworten hat, möchte ich dahingestellt sein lassen, denn sie ist auch nicht die Veranlassung zum Abfall Freidanks gewesen.«
Der Kaplan sah den Sprecher mit verwunderten und beinahe zornigen Augen an; seine Aeußerungen waren von solchem finstern Glaubenseifer und so bitterer Gehässigkeit gegen die Andersgläubigen erfüllt, daß Frohwalt davor einen gelinden Schauer empfand. Nein, das war kein Jünger des Herrn! Man durfte die evangelische Sekte bekämpfen, ihre Anhänger bannen, aber man durfte sie nicht wie einen Abschaum der Menschheit behandeln. So war Marie nicht, wie dieser Pater Ignaz die Evangelischen schilderte!
Er war froh, als er die Pfarrei im Rücken hatte, dort herrschte ein unbehaglicher, finsterer Geist, und wehe dem Städtchen, wenn der Kaplan hier jemals Pfarrer werden sollte. Es drängte ihn, zum Vetter Martin zu gehen, mit dessen Anschauungen er zwar auch nicht durchaus einverstanden war, der aber mit einem warmen, guten Herzen durch die Welt ging, niemandem wehe that und Freude verbreitete, wo er nur konnte. Er dachte an jenen Nachmittag in Prag, an dem der alte Nedamitzer Pfarrer vielleicht zum letzten Mal einen Hauch des Glückes empfunden hatte, das ihm verschafft war durch Vetter Martin, während er selbst mit seiner zornigen Härte, mit seiner kalten Moral vielleicht den alten Priester in Verzweiflung und Tod gebracht hatte. Er fühlte, daß er um deswillen schon manches gut zu machen hatte.