Vetter Martin war nicht allein; Frohwalt fand zu seinem Staunen bei ihm keinen anderen als Hans Stahl, der in »der Bibliothek« bei dem Alten saß mit einem recht zerknirschten Gesichte, in welches nun beim Anblick des neuen Besuchers ein unverkennbarer Zug von Verlegenheit trat. Der alte Herr war aufgestanden und begrüßte den Adjunkten freundlich:
»I, sieh mal, das ist hübsch, daß Du vor Deiner Romfahrt erst noch einmal nach Hause kommst und sogar bei mir vorsprichst, obwohl Du Dir denken kannst, daß ich auf die Unfehlbarkeit nicht gut zu sprechen bin.«
Hans Stahl wollte sich entfernen, Martin aber hielt ihn zurück:
»Bleiben Sie nur da – Sie kennen sich ja Beide – und ich vermute, daß der Doktor Frohwalt auch weiß, was Ihnen in Prag passiert ist.«
»Ich entsinne mich, von der unliebsamen Geschichte gehört zu haben, daß man Sie wegen öffentlicher Ruhestörung und Herausforderung zum Zweikampf zu Gefängnishaft verurteilt hatte,« sprach Frohwalt ziemlich kühl; Hans Stahl aber saß da wie ein armer Sünder. Dem Vetter Martin that der frische Junge leid, und er sagte:
»Na, die Geschichte ist vorbei, und er ist Dank der Verwendung des Professors Holbert ziemlich glimpflich weggekommen, aber nun sitzt das Unglückswurm hier und bläst mir seine Trübsal vor. Da hat das Herz und der junge Hitzkopf Ihnen eben einen dummen Streich gespielt, lieber Hans, und was Sie sich eingebrockt haben, müssen Sie ausessen. Ich hatte nämlich – wandte sich der alte Herr zu Frohwalt – bei seinem Vater durchgesetzt, daß er die Theologie mit der Malerei vertauschen dürfe, und wir hatten beide die schönsten Hoffnungen, daß er einmal ein kleiner Raffael werde, da passiert die Geschichte. Und nun will der Vater nichts mehr von der Künstlerlaufbahn wissen, sie mache zu Ausschreitungen geneigt und was dergleichen mehr ist; er soll ins Geschäft eintreten und Kaufmann werden. Viel Talent scheinen Sie mir dazu nicht zu haben, aber es ist nichts dagegen zu machen, und mein Rat, den Sie haben wollen und weshalb Sie eigens hierher gereist sind, ist der: Sie folgen fürs erste Ihrem Vater, bemühen sich, möglichst tüchtig in seinem Kontor zu sein, und malen nur des Sonntags zu Ihrem Vergnügen. Na, Kopf hoch, die Sache ist doch nicht so schlimm, und wenn's wirklich bei allem guten Willen gar nicht geht, so können Sie auf mich zählen.«
Hans Stahl nickte noch immer recht trübselig mit dem Kopfe, dankte schön für den guten Rat und den erhaltenen Trost und ging.
»Er ist ein Windhund!« sagte Frohwalt hinter ihm.
»Aber nicht die schlechteste Rasse,« erwiderte der Alte; »den geb' ich nicht auf, und wär' alles vielleicht besser geworden, wenn er nicht mit der Theologie erst kopfscheu geworden wäre …«
Der »Windhund« aber schlich draußen recht langsam durch die Gassen des Städtchens; er befand sich im Zustande moralischen Katzenjammers. Er sah sich bereits im Kontor seines Vaters auf dem Drehstuhl, trockene Geschäftsbriefe abschreibend und unerquickliche Zahlen schreibend, und in seiner Seele tauchten mitunter die abenteuerlichsten Gedanken auf. So ging er langsam fürbaß, ohne aufzublicken, bis ihn mit einmal eine Stimme aus seinem Sinnen weckte: