»Wissen Sie, Ihre Zelle ist noch weitaus gemütlicher, als eine solche im Prager k. k. Landesgericht.«
»Das können Sie unmöglich beurteilen,« sagte lächelnd der Kapuziner, aber sein Besucher erwiderte:
»Na, ich dächte doch! Oder sollten Sie nichts davon ahnen, daß Sie einen entlassenen Sträfling beherbergen, der eben erst wieder die Fittiche dehnt … na, erschrecken Sie nicht so, Mann Gottes; erschlagen hab' ich keinen, aber nahe dran war ich. Also sie wissen wirklich nichts? Na, Gott sei Dank, daß es noch solche Menschen giebt, das verleiht mir ordentlich ein Selbstbewußtsein. Dafür will ich Ihnen auch eine Generalbeichte ablegen und hoffe, daß Sie mich absolvieren.«
Und nun erzählte er ehrlich die Geschichte seiner Liebe und seines Hasses, und beachtete es gar nicht, wie einmal, da er von der ersteren redete, ein fahler Schein über das Antlitz des jungen Mönches lief, und wie seine Brust sich einmal rascher hob zu einem unbezwinglichen Seufzer.
»So, nun wissen Sie alles, Sie Glücklicher, der keine solchen Anfechtungen hat und nicht daran zu denken braucht, wie man einen Nebenbuhler beseitigt!«
Severin nickte einigemale unbewußt mit dem Haupte und das Lächeln, das über sein Gesicht ging, erinnerte an müdes Abendlicht der scheidenden Sonne.
»Ja, ja … aber sagen Sie, haben Sie denn wirklich Therese Holbert so lieb gehabt?«
»Gehabt? Freund, ich habe sie noch lieb und werde sie in alle Ewigkeit so lieb haben, ob Sie mir's glauben oder nicht!«
Der junge Kapuziner mochte das wohl glauben, denn die Worte klangen ihm in der eigenen Seele nach, und es wurde ihm in diesem Augenblicke wieder so schmerzlich zu Sinne, wie nur jemals in seinem jungen Leben. Aber er sah an seinem härenen braunen Gewande hinab, dann in das Gesicht des prächtigen, blühenden Burschen vor ihm, der gleichfalls entsagen mußte, und sprach:
»Wissen Sie denn, daß Dr. Haller hier als praktischer Arzt lebt?«