»Hier?«
Stahl sprang heftig von seinem Sitze.
»Hier? – Und Therese ist auch hier?«
»Gewiß, ich habe sie beide ehelich verbunden!«
»Sie? – Das hätte ich Ihnen nicht zugetraut, das ist ja ein Akt einer höllischen Boshaftigkeit, den Sie auch einem andern hätten überlassen können.«
Severin lächelte wiederum müde – wie gern er das einem andern überlassen hätte!
»Natürlich haben Sie die Verbindung so dauerhaft als möglich gemacht. Herr Gott, hätten Sie denn nicht einen geistlichen Vorbehalt einfügen können, so daß Therese eines schönen Tages, wenn Sie unglücklich wird – und ich sage Ihnen, sie wird's – wieder frei werden könnte! – Aber thun Sie mir den Gefallen, führen Sie mich an dem Hause vorüber, in welchem sie wohnt; ich will ja sie selbst nicht schauen, nur ihre Fenster. Und jetzt lassen Sie uns gehen, mir wird's mit einmal zu enge hier in Ihren vier Wänden!«
Sie brachen auf und gingen langsam, schweigend, jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, durch die stillen Gassen. In der Nähe des alten Thores, in anmutiger Lage, stand ein freundliches Haus; hinter den spiegelnden Fenstern und vor den weißen Gardinen standen blühende Blumen. Hier zeigte Severin empor und Stahl verstand ihn. Seine Augen flammten heller auf, sie bohrten sich unverwandt gegen die spiegelnden Scheiben, als wollten sie hindurch schauen, ob sie nicht dahinter einem lieben, geliebten Antlitz begegneten, aber alles war vergebens. Severins Atem ging rascher, aber seine Augen hafteten am Boden, und er hob sie erst wieder frei, als er mit seinem Begleiter das alte Thor passiert hatte und auf der Straße hin schritt, die langsam die Höhe hinan lenkte.
Es war ein schöner Herbsttag; das Laub an den Obstbäumen, sowie jenes in dem aus der Niederung hergrüßenden Walde färbte sich und die Luft war durchsichtig klar, so daß nach allen Seiten hin freundliche Landschaftsbilder sich aufthaten. In Hans Stahl erwachte der Künstler, so daß er einigermaßen das andere vergaß, und langsam ausschreitend in seiner gewohnten, harmlos heiteren Weise plauderte.
So langten sie endlich in dem hoch und hübsch gelegenen Oberdorf an. Severin lud den Gefährten ein, ihn zu seinen Eltern zu begleiten; dieser aber wollte bei Erörterung einer Familienangelegenheit – und daß es sich um eine solche handle, wußte er aus den Mitteilungen des jungen Mönchs – nicht stören. Er gedachte nach dem Gasthause zu gehen, dessen freundlicher und hochgelegener Garten einladend von fern ihm winkte, und dort auf Severin zu warten, um mit ihm den Rückweg anzutreten, und so that er auch trotz allen Zuredens des andern.