So war der Hirtenjunge aus der Campagna in das glänzende Haus des Bischofs gekommen, und hatte hier nur einen Menschen, der ihm nicht wohlwollte – Signora Lucia. Sie wußte sich selbst nicht Rechenschaft zu geben, weshalb ihr der Bursche nicht gefiel vom ersten Augenblick an, da sie ihn gesehen hatte, und das Empfinden schien auf Gegenseitigkeit zu beruhen. Sisto wich der Dame möglichst aus, zeigte sich aber auch ihr gegenüber dienstfertig, wenngleich ohne Unterwürfigkeit. Der Prälat hätte ihn halten dürfen wie seinen Sklaven, wenn aber Signora Lucia ihm eine Weisung in scharf befehlendem Tone gab, schoß ihm eine heiße Blutwelle durch das braune Gesicht, ein Blitz des Trotzes zuckte durch die Augen, er biß wohl auch die weißen Zähne zusammen, aber er gehorchte.
Parelli gewann den Burschen täglich lieber, der hundert kleine Künste verstand, mit prächtiger Stimme die Volkslieder der Campagna sang, den Dudelsack mit wahrer Virtuosität spielte, und dem neben der Lebenslust auch die Treue und Liebe zu seinem Herrn aus den Blicken leuchtete. Bald durfte Sisto auch ungerufen bei ihm erscheinen, und er fand eine gewisse Freude daran, den ungebildeten Jungen in Diesem und Jenem zu unterrichten, zumal die Sorge für seine Diözese ihm viel freie Zeit ließ. All das aber machte den Jungen bei Signora Lucia nur noch verhaßter; man hätte an eine Art Eifersucht beider Dame glauben können, und das erschien besonders begreiflich, da sie trotz ihres großen Einflusses auf den Prälaten diesen doch nicht dazu zu bewegen vermochte, daß er den Jungen aus dem Hause gab. Sisto war ihm anfangs lieb geworden, wie eine Art von Spielzeug für müßige Stunden, später aber fand er in dem aufgeweckten treuen Burschen mehr.
Auch Giovanni, der Kammerdiener, hätte Grund zur Eifersucht haben können, wenn er nicht einerseits Sisto wirklich lieb gehabt, und andererseits sich nicht gefreut hätte über die mannigfache Entlastung, die er in seinem ohnehin nicht schweren Dienst durch den Burschen erfuhr, und Giovanni war sehr bequem. So überließ er das Reinigen des Arbeitszimmers seines Herrn gern dem jungen Gehilfen, und saß in der für sich gewonnenen Zeit entweder in einem Schaukelstuhl oder in der Küche bei der munteren Marietta, dem Küchenmädchen.
Nach Art der Landbevölkerung um Rom war Sisto fromm und bekreuzte sich nicht nur vor jedem Heiligenbild, sondern hatte auch eine demütige Verehrung für die unmittelbaren Diener der Kirche, die Priester, und wenn er in dem Papste selbst die Verkörperung der Heiligkeit erblickte, so ging ein Abglanz von derselben nach seiner Meinung auch auf jeden über, der die heiligen Weihen empfangen hatte. Darum war ihm auch der Bischof von Mikrun eine hoch über der gewöhnlichen Menschheit stehende Persönlichkeit, zumal sein kindlicher und pietätvoller Sinn keine Schwächen an ihm fand oder mindestens nicht an solche glauben mochte.
Eine ähnliche unterwürfige Verehrung brachte er auch den zahlreichen geistlichen Besuchern entgegen, welche in das vornehme und gastfreie Haus des Prälaten kamen, und mancher von jenen fand wiederum sein Wohlgefallen an dem hübschen, demütig-frommen Jungen. Nur bei einem machte Sisto eine Ausnahme, und dieser war der Jesuitenpater Felice. Er war lang und hager mit einem blassen, scharfgeschnittenen Gesicht und einem Paar stahlgrauer, scharfblickender Augen. Wenn er mit seinem langsamen, fast lautlosen Schritt kam, verbarg sich der Knabe, wenn es irgendwie anging, denn der dunkelgekleidete Mann mit dem breitrandigen Hute war ihm beinahe unheimlich, trotzdem er ihm nie etwas gethan, im Gegenteil immer freundlich mit ihm war.
Felice erschien sich der besonderen Gunst von Signora Lucia zu erfreuen, die sich gern mit ihm unterhielt, deren Beichtiger er auch war, so daß er infolgedessen wohl öfter als andere im Hause Parellis verkehrte.
Das Unbehagen, welches Sisto beim Anblick des Jesuiten empfand, hatte sich besonders gesteigert, seit er eines Morgens Gelegenheit gehabt hatte, einen Teil eines Gesprächs anzuhören, das er zwar nicht recht verstand, das ihm aber doch den Eindruck machte, als ob Felice einen unheimlichen Zwang auf den Bischof ausübe. Er hatte im Garten hinter einem Boskett gearbeitet, und die beiden Priester, welche zwischen den grünen Gehegen dahingeschritten waren, blieben in unmittelbarer Nähe derselben stehen, unbekümmert um den Knaben, welchen sie vielleicht auch gar nicht bemerkt hatten.
»Ich halte einen solchen Glaubenssatz für bedenklich und zweifle auch, ob er angenommen wird!« sagte der Prälat.
»Aber von einem Bedenken kann doch keine Rede sein!« – klang halblaut, aber bestimmt und scharf die Stimme des anderen – »das Ansehen der Kirche verlangt gerade in unseren Tagen eine derartige Stellung des heiligen Vaters; und weshalb sollte man an der Annahme zweifeln?«