Dann schritten sie weiter, zwei glückliche Menschen, schön, schlank, träumerisch – echte Deutsche, daran blieb den braunen Römern und Römerinnen, an denen sie vorüberkamen, kein Zweifel. Heinrich Quandt kannte sich hier gut aus. Er lenkte nach dem Platz des Kapitols. An der Rückseite des Senatorenpalastes führte er seine Gattin nach dem alten Tabularium, und von seinem offenen Thorbogen aus ließ er sie einen Blick thun über die in Trümmer gesunkene Herrlichkeit des alten Rom. Da lag das Forum Romanum mit all den Resten einer großen vergangenen Zeit, und schweigend, an einander gelehnt, schauten sie beide darüber hin. Derselbe Sonnenschein, der einst hier den Volksversammlungen geleuchtet, der die Festzüge auf der »heiligen Straße« zum Kapitol heranziehen sah, bei dessen Glanz von der menschenumwogten Bühne her kühne Redner zum Volke sprachen, welche auf den Bauten Julius Cäsars und den Tempeln und Triumphthoren der Kaiser flimmerte, er schien ihnen jetzt noch eben so mild und warm, und die beiden träumerischen Kinder des Nordens sahen mit ihrer lebhaften Phantasie die Ruinen sich beleben von den Bildern der Geschichte, die ihnen hier erst anfingen verständlich zu werden.

Endlich gingen sie weiter – für diesmal sollte es nur ein flüchtiges Wandern sein – vorüber an dem in mehr als einer Beziehung bedeutenden Triumphbogen des Septimus Severus, über dessen Travertin-Unterbau sich schöne Marmorsäulen erheben, zwischen welchen drei Durchgänge hinführen; sie betrachteten darnach die schönen weißen, kannelierten Marmorsäulen des Vespasiantempels, sowie die Reste des auf Granitsäulen sich erhebenden Saturntempels, die Basilika Julia, den Dioskurentempel, und der Künstler konnte es sich nicht versagen, wenigstens einen Blick in die S. Lukas-Akademie zu thun, und seinem Weibe einige besonders schöne Reliefs von Canova und Thorwaldsen zu zeigen, sowie im Salone di Raffaeli sie auf einen seiner Lieblinge: Lukas malt die Madonna und Raffael sieht ihm zu – aufmerksam zu machen.

Sie war so dankbar, so verständnisvoll und glücklich bei seinen Erläuterungen, daß er gar nicht hätte aufhören wollen, sie von einem Schönen zum andern zu geleiten, aber er wußte sich zu beherrschen – es durfte nicht zu viel werden, damit keine Uebersättigung eintrete, und so mahnte er daran, endlich auch an den Leib und seine Bedürfnisse zu denken, und sie wandten sich wieder dem neuern Rom zu, um irgend ein Speisehaus aufzusuchen. Quandt war eine Erinnerung an ein solches mit Garten geblieben, das nicht weit von Aracoeli lag, aber er wußte es doch nicht wieder zu finden und hielt eben Umschau, wen er wohl fragen könnte, als sein Blick auf einmal auf einer Erscheinung haften blieb, so plötzlich, so gebannt, daß er auch den Arm seiner Frau fester an sich zog und mit dem Finger ihr Auge nach jener Richtung lenkte.

Ein gebräunter, armselig aber bunt gekleideter Junge von etwa zwölf Jahren mit nackten Beinen kauerte auf einer Schwelle und sah mit leuchtenden Blicken zu einem andern auf, der zu ihm redete und dabei ein kleines Aeffchen, das ihm auf die Schulter geklettert war, und dessen Fesselkettchen der erstere in der braunen Hand hielt, liebkoste. Der andere aber war etwa vierzehnjährig und trug einen braunen, hübschen Tuchanzug, wie vermögender Leute Kinder, ein spitzes Filzhütchen auf den dunklen Locken und hatte ein prächtiges Gesicht, als ob er aus dem Rahmen eines Bildes von Murillo herausgeschnitten wäre, und dieser andere war Sisto Brenta.

Das Ganze aber bot ein Genrebildchen von köstlichem Reiz für das Malerauge, und Heinrich Quandt, der jetzt sogar den Arm Friederikens freiließ, trat, einem schnellen Antriebe folgend, an die Gruppe heran.

»Du willst ihm wohl sein Aeffchen abkaufen?« fragte er Sisto. Dieser sah einen Augenblick groß und ernst den Fremden an, dann zog er höflich sein Hütchen und sprach:

»Nein, Signor – den würde Beppo auch nicht hergeben, denn er muß mit ihm sein Brot verdienen. Aber wir sind aus einem Dorfe und ich freue mich, daß ich ihn getroffen habe. Es geht ihm schlecht, dem armen Beppo und seinem Piccolo – nicht wahr?«

Und Sisto streichelte das Aeffchen, welches ihn zu kennen schien und sich die Liebkosung gern gefallen ließ.

»Hört, Ihr Beide könntet mir eine Freude machen, und ich würde mich gern dankbar dafür bezeigen. Ich bin Maler und möchte Euch malen, so wie Ihr hier seid; wollt Ihr morgen zu mir kommen?«