Sie eilte hinaus, ihr Gewand rauschte auf dem Teppich, und ging in die Zimmer des Prälaten. Sie wußte, daß er in einem Fache des Sekretärs in seinem Arbeitszimmer Geld habe, auch daß er damit ziemlich sorglos umging und nicht sehr zu zählen pflegte, da er ein bedeutendes Privatvermögen besaß. Aber ihr schlug das Herz, so daß es ihr beinahe die Kehle zusammenzog und ihre Hände waren eiskalt und feucht, und obwohl die weichen Teppiche ihre Schritte unhörbar machten, schlich sie doch auf den Zehen – sie wußte, daß sie einen Diebstahl begehen wollte.
Als sie vor dem Sekretär stand, überkam sie eine Ohnmachtsanwandlung, aber mit übermenschlicher Kraft zwang sie sich, stark zu sein; sie sah um sich, als ob sie sich vergewissern wollte, ob sie niemand sähe, dann öffnete sie das Fach und sah eine Anzahl Rollen darin liegen. Sie wog sie in der Hand – dem Gewichte nach mußte es Gold sein, dann faßte sie eine derselben fester, ließ sie rasch in ihre Tasche gleiten, schob das Fach zu und eilte, wie von Furien gejagt, davon. Todbleich kam sie bei Gaetano an.
»Da – nimm!«
Der Bauer griff zu, sah das Geschenk flüchtig an, und las auf demselben: 400 neapolitanische Dukaten[9]. Ein breites Grinsen ging über sein rohes Gesicht.
[9] 1 neap. Dukaten – 3,40 Mark.
»Das genügt. Ich danke. Aber nun kannst Du mir auch noch einen Kuß geben, Lucia … Du bist noch schöner geworden, als Du damals warst … Die Tölpel mögen mich für Deinen Bruder halten … unter vier Augen …«
Er näherte sich lüstern mit funkelnden Augen dem schönen Weibe, aber das stieß ihn zurück und sagte heiser:
»Rühre mich nicht an!«
»Schade, daß Du so stolz geworden … einmal war ich Dir gut genug – und was soll ich denn Deinem Kinde sagen? …«