Eine Poesie der Schwermut redet aus dieser öden Ebene, die um so ergreifender wird bei dem Gedanken, daß unfern die Blutwelle einer modernen Kultur lebensvoll in den Adern einer Weltstadt pulsiert, eine unausgesprochene Klage, wie das Leid des Weltgeistes, webt in dieser weichen, träumerischen Luft, und die da und dort auftauchenden und vom Horizont sich klar abhebenden Bauwerke reden alle eine für den Historiker und den Kunstfreund allein verständliche Sprache. Von seiner Höhe herab schaut San Angelo – das alte Corniculum – und fernher winkt das Kloster und Kastell von Monticelli, bis endlich in der Nähe von Castel Arcione das Bild der Landschaft freundlicher wird und der Wagen zwischen graugrünen Oliven und dunklen Steineichen über den antiken Brückenbogen der Ponte Lucano hinwegrollt, jenseits deren sich das Grabmal der Gens Plautia, ähnlich dem berühmten der Cäcilia Metella, erhebt.
Nun gebot der Prälat den Fahrweg einzuschlagen zur alten Villa Hadrians, des kunstsinnigen Römerkaisers, die mit ihren umfänglichen Trümmerresten aus rotem Backstein ungemein malerisch sich abhebt von dem wild und dichtverwachsenen Gebüsch, über das mit ihrem ernsten Grün Cypressen und Pinien emporragen, während Lorbeer und Feige mit freundlich heller Färbung sich dazwischen zwängen.
Heinrich Quandt kannte das prächtige Landschaftsbild, und dennoch war er aufs neue entzückt, und machte auf seine Einzelheiten auch seine Begleiter aufmerksam. In der alten Kaiservilla übernahm der Prälat die Führung als ein kundiger und zugleich feinsinniger Cicerone. Er verstand es, vor dem Geiste der beiden andern aus den Ruinen das glänzende Haus des Imperators wieder aufleben zu lassen mit seinem Theater und seinem Nymphäum, von dem der cypressenbeschattete Weg nach der Poikile und den anstoßenden Räumen des Sprechsaals und des Notatoriums führt. Zuhöchst aber lag der eigentliche Kaiserpalast mit seinen säulengetragenen Prunksälen und Bäderresten. Und wie um dem ernst und trübe stimmenden Bilde einer versunkenen Herrlichkeit das Gepräge friedlichen Behagens zu verleihen, grünt auch hier um die Trümmerreste der Oelbaum, und der Weinstock umschlingt sie mit seinen grünen, beweglichen Ranken und Reben.
Die drei Reisenden fuhren nun nach der Ponte Lucano zurück und von da auf der neuen Straße langsam empor nach der freundlichen Stadt, die mit ihren weißen Mauern aus dem Grün hervorlugt, traulich und anmutig, indes um ihren Fuß die Wasserfälle des Anio brausen und rauschen. Das alte Tibur – das heutige Tivoli – ist reich an Schönheit, und die Patrizier der Kaiserzeit, die hier ihre Villen bauten, haben es ebenso gewußt, wie die modernen Künstler, welche hierher wallfahren.
Ueber die Piazza fuhr der Wagen, bis dahin, wo in der Nähe der Aniobrücke der Vicolo della Sibilla zu dem Gasthofe »La Sibilla« emporleitet. Hier hielten die Reisenden Rast, da wo hoch über dem linken Flußufer der schöne Tempel sich erhebt mit seiner runden Säulenhalle, der wie ein Asyl des Friedens über dem Brausen und Schäumen der Wasser steht. Freundliche Kranzgewinde zieren den Fries, und an den Umlaufdecken sind Kassettonen mit Rosetten. Aber das Auge wendet sich doch auch hier der gewaltigen, elementar schaffenden Natur zu. Zur Linken stürzen die Wasser des Anio von einer Höhe von etwa 100 Metern mit wildem Tosen hinab über die Uferwand in die schaumverschleierte Schlucht – ein herrlicher und erhebender Anblick!
Der Prälat wußte zu erzählen, wie im Jahre 1826 der Anio zornig über seine Ufer getreten sei und einen Teil von Tivoli in wildem Ansturm in den Abgrund gerissen habe. Beim Sibillentempel waren auf dem Felsvorsprunge noch Trümmer aus jener Katastrophe zu sehen. Damals wurde dem Flusse Gewalt angethan, und er mußte sich demütigen vor menschlicher Kraft und Kunst und seinen Weg nehmen durch zwei Gänge, die durch den Berg Catillo getrieben waren. Hierher ward der Anio im Jahre 1834 geleitet, und in Gegenwart des Papstes Gregor XVI. brausten die gestauten Wasser zum ersten Male über die Felswand hinab.
In der Nähe des Tempels, in einer herrlichen Umgebung, hatten sich die Reisenden einen Platz gesucht, um ein Mahl einzunehmen. Unfern von ihnen an einem Tische aber saß einsam ein junger Mann, dessen Collare den Priester verriet. Er war hochgewachsen und schlank, mit frischem, gerötetem Gesicht und klaren blauen Augen. Als ihn der Maler bemerkte, sprach er:
»Das ist ein Deutscher – und es will mir eigentlich nicht gefallen, daß ein Landsmann hier bei dieser Schönheitsfülle, die zur Aussprache lockt, vereinsamt sitzt. Gestatten Sie Monsignore, daß ich ihn anspreche, und, wenn er genießbar erscheint, ihn zu uns bringe?«
»Ganz gewiß, lieber Quandt!« erwiderte der Prälat, und der andere stand auch gleich darauf vor dem Tische. Einige Worte, gegenseitig gewechselt, genügten dem erfahrenen Maler, um seinen Mann zu beurteilen, und so führte er ihn gleich darauf am Arme heran und stellte ihn vor:
»Herr Dr. theol. Frohwalt aus Prag.«