Der erste dieser Wünsche war, daß man, schon aus Klugheitsrücksichten nicht unnötiger Weise die Zahl der Glaubenssätze vermehren möge. Man sollte nicht vergessen, daß, zumal in Deutschland, wo Katholiken und Protestanten neben und durcheinander wohnten, jeder neue Glaubenssatz mehr zur Verwirrung als zur Beruhigung der Gemüter beitrage.

Das klang wie ein deutlicher Widerspruch und er ging von einem Kirchenfürsten aus, welchen man um seiner Abkunft, wie um seiner Stellung willen immerhin zu berücksichtigen hatte. Die Hoffnung, welche sich die Jesuitenpartei gemacht hatte, daß man den in Frage stehenden Glaubenssatz durch einstimmigen Zuruf annehmen werde, wie vordem jenen von der unbefleckten Empfängnis Mariä, erwies sich trügerisch, und man sah sich umsomehr zu einem andern Vorgehen genötigt, als auch noch mancher andere streitbare und tüchtige Herr in Rom eingezogen war, der nicht ohne weiteres die Waffen streckte.

Es war an einem Spätnachmittage, als sich in der Wohnung des Kardinals Schwarzenberg die deutschen und österreichischen Bischöfe zu einer Besprechung eingefunden hatten. In dem geräumigen, vornehmen Saale saßen sie an einem langen Tische, Männer, unter welchen mancher sich durch hervorragendes Wissen und durch Geist auszeichnete. Es herrschte einerseits eine gedrückte, andererseits eine gereizte Stimmung. Der Prager Kardinal hatte das Wort und sagte mit seiner klaren, ruhigen Stimme:

»Meine hochwürdigsten Amtsbrüder! Sie wissen, weshalb ich Sie hierher gebeten habe. Es ist Ihnen nicht unbekannt, daß in dem Kreise der italienischen, spanischen und orientalischen Bischöfe ein Schriftstück die Runde macht, in welchem Seine Heiligkeit gebeten wird, ein Dekret wegen der Unfehlbarkeit einbringen zu lassen. Was dies bezwecken soll, ist klar. Aus der Mitte der Kirche heraus soll der Glaubenssatz scheinbar begehrt werden, wie etwas, was immer in derselben vorhanden war. Die Zahl der Unterschriften wird zweifellos eine überwältigend große, so daß man dem heiligen Vater ohne weiteres die Ueberzeugung beibringen kann, daß dieser Glaubenssatz der sehnliche Wunsch der ganzen Christenheit ist, und doch ist in unserm Kreise vielleicht keiner, der nicht nach bestem Wissen und Gewissen sich gegen denselben sträubte. Sollen wir diesen Vorgang sich ruhig vollziehen lassen? Was ist Ihre Meinung?«

Der Erzbischof von München-Freising nahm das Wort:

»Ich beklage es tief, daß in solchem Falle die Mehrheit den Ausschlag geben soll. Der ganze Kirchenstaat hat nicht so viele Seelen, als meine Diözese, und doch ist er durch hundertdreiundvierzig Bischöfe vertreten. Rechnen wir dazu etwa hundert Bischöfe in partibus und circa zweihundert Titularbischöfe, die in Italien so dicht sitzen, wie bei uns die Pfarrer, so ist ersichtlich, daß wir dagegen nicht aufkommen, falls nicht andere Grundsätze bei der Abstimmung maßgebend werden. Deutschland hat nur vierzehn Stimmen – ein geradezu schreiendes Mißverhältnis – und darum ist es notwendig, mit doppelter Kraft einzutreten für unsere Ueberzeugung, und unter Darlegung der Verhältnisse, daß die Zahl der christkatholischen Seelen, welche hinter uns steht, Ausschlag gebend sein müsse, gleichfalls ein Bittgesuch an den Papst zu richten, es möge die Unfehlbarkeit nicht eingebracht werden.«

Einzelne Stimmen drückten ihren Beifall aus, Bischof Hefele von Rottenburg aber wiegte bedenklich das Haupt. Er gehörte zu den gelehrtesten Kirchenfürsten, die aus Deutschland nach Rom gegangen waren und erfreute sich eines gewissen Einflusses bei seinen Amtsbrüdern Er sprach nun:

»Meine hochwürdigsten Brüder! Mir ist es klar, daß jenes Vorgehen nichts anderes als eine Falle ist, welche man uns legt. Man sucht uns geradezu herauszulocken, der Frage der Unfehlbarkeit, und sei es auch als Gegner, nahezutreten, denn für die Freunde derselben handelt es sich darum, sie in irgend einer Weise aufs Tapet zu bringen, um eine Abstimmung herbeizuführen, welche aus den eben angegebenen Gründen zu einer Annahme durch Stimmenmehrheit führen muß. Ich verspreche mir von einem Vorgehen, wie es eben vorgeschlagen wurde, keinen rechten Erfolg, und kann allerdings auch nicht verhehlen, daß ich keinen bessern Rat weiß, zumal die ganzen Verhältnisse hier niederdrückend und verstimmend wirken müssen. Vielleicht wäre durch eine persönliche Einwirkung bei Seiner Heiligkeit mehr zu erreichen.«

»Nichts!« brauste der heftigere Stroßmayr auf – »wir werden überhaupt in der unwürdigsten Weise behandelt, und davon muß doch der heilige Vater Kenntnis haben. Was ist das für eine Geschäftsordnung, welche uns hier aufgezwungen wird? – Der Papst ernennt nicht nur die Präsidenten und Sekretäre der Versammlung, sondern auch die Kommissionen für die Vorlagen und für die Prüfung der eingebrachten Anträge. Wer von uns einen Antrag stellt, muß zuletzt gewärtig sein, daß, wenn er Seiner Heiligkeit nicht genehm ist, er einfach in den Papierkorb geworfen wird. Oder ist es nicht ein müßiges Spiel, wenn bei einer Vorlage Abänderungen vorgeschlagen werden, daß die Sache an die Kommission zurückgeht, welche nun beliebig damit verfahren, eventuell die Vorlage unverändert wieder einbringen kann, welche nach der Geschäftsordnung nun die Versammlung annehmen muß, da eine weitere Besprechung, beziehungsweise Aenderung ausgeschlossen ist. Was ist das ferner für eine Maßregel, daß die stenographischen Aufzeichnungen der Konzilsverhandlungen von einer päpstlichen Kommission beliebig geändert werden, daß man einfach wegstreicht, was den Herren nicht paßt, oder einem das Wort im Munde umdreht? Wir sind ja hier unfreier wie die Kinder. Kein Antragsteller darf in der Kommission erscheinen, wie es doch beim Concilium Tridentinum gestattet war; hier ist es geradezu verboten, die Tridentinische Geschäftsordnung nachzuschlagen und zu vergleichen. Ja, versuchen Sie es, meine Brüder, diese Geschäftsordnung aus einer Bibliothek zu entlehnen, Sie werden erfahren, daß dies verboten sei. Solche Dinge sind der Kirche und des Papsttums unwürdig.«