Der kühne Sprecher hörte ein Murmeln, das ebenso Entrüstung als Zustimmung ausdrücken konnte, und die Hand zur Faust geballt, wie im Kampfestrotz, saß er da und schaute um sich. Die Stille, welche eingetreten war, unterbrach die Stimme des Rottenburger Bischofs:

»Daß wir hier im höchsten Grade unfrei sind, dafür möchte auch ich einen Beleg bringen. Ich habe die Absicht, durch einen ganz besonderen Fall aus der Kirchengeschichte zu zeigen, daß es unmöglich ist, die Unfehlbarkeit zum Glaubenssatz zu erheben. Ich meine Papst Honorius. Sie wissen ja, meine lieben Amtsbrüder, daß er die Meinung hatte, daß in Christo nicht zwei Willen, ein göttlicher und ein menschlicher, sondern nur ein göttlicher vorhanden gewesen sei. Wegen dieser Ketzerei haben einige nachfolgende Päpste ihn noch nach dem Tode in den Bann gethan und verflucht. Nun, entweder hatten diese Päpste recht, und dann kann Honorius nicht unfehlbar gewesen sein, oder er war unfehlbar, und dann müssen die anderen gefehlt haben. Beide Parteien können unmöglich unfehlbar gewesen sein. Das habe ich in einer Schrift zu Nutz und Frommen der Konzilsväter drucken lassen wollen, und das ist mir in Rom einfach unmöglich gemacht durch die Bestimmung daß ohne päpstliche Genehmigung hier nichts erscheinen dürfe. Ich habe nun nach Neapel schreiben müssen, um dort den Druck besorgen zu lassen. Ist das Freiheit und Selbständigkeit, sind das würdige Zustände?«

»Wir schweifen ab, meine hochwürdigsten Brüder« – nahm Kardinal Schwarzenberg das Wort – »und ich möchte, daß wir, anstatt uns in Klagen zu ergehen, uns klar würden, was geschehen soll.«

Einer der Kirchenfürsten beantragte, auf Grund der Darlegungen des Münchener Erzbischofs ein Bittgesuch an den heiligen Vater zu richten, daß man von Aufstellung der Unfehlbarkeit absehen möge, und dieser Antrag wurde denn auch angenommen. Nur betreff der Begründung war man nicht ganz einig. Ein kleiner Teil der Anwesenden wünschte, daß man geradezu hervorhebe, es sei eine falsche, weder nach Kirchenrecht, noch nach Kirchengeschichte zu rechtfertigende Lehre – und solche Ehrlichkeit wäre das allein richtige, vielleicht auch das wirksamste gewesen; die Mehrzahl aber suchte mit einer gewissen Aengstlichkeit den Unwillen des Papstes zu vermeiden; sie wollten, daß man lediglich Klugheitsgründe betone, zumal die unangenehmen Verwicklungen, die aus einem solchen Glaubenssatz für die Beziehung von Kirche und Staat sich ergeben könnten, und daß man, um der Ehrerbietung gegen den heiligen Stuhl in jeder Weise Ausdruck zu geben, dem Papste die weitgehendsten Zugeständnisse machen möge.

Diese Meinung drang auch zuletzt durch, und die Jesuitenpartei hatte erreicht, was sie wünschte.

In der Umgebung des Kardinals Schwarzenberg waren diese Verhandlungen und ihre Ergebnisse nicht unbekannt, und sie wirkten auf Peter Frohwalt niederdrückend und verstimmend. Er war mit ehrlichem Sinne und redlicher Ueberzeugung nach Rom gekommen, in der festen Hoffnung, hier nicht bloß die Herrlichkeit der Kirche in ihrer ganzen Größe und Reinheit zu schauen, sondern auch eine unbestechliche Einmütigkeit und Festigkeit unter den Vätern des Konzils zu finden gegenüber einer Sache, die nach seiner und der Meinung der Besten geradezu verwerflich war. Nun sah er hier rücksichtsloses Vergewaltigen auf der einen, eine schwächliche Verzagtheit auf der anderen Seite. Daß die deutschen und österreichischen Bischöfe einer ehrlichen und mutigen Erklärung aus dem Wege gingen und sich hinter rein äußerliche Gründe verschanzten, erfüllte ihn, dessen sittliches Bewußtsein allzeit kräftig gewesen, mit größter Bitterkeit. Ihm kam die ganze Sache vor, wie wenn jemand einer Verführung zum Bösen nicht aus sittlichen Gründen Widerstand leistet, sondern weil es unangenehme Folgen oder üble Nachreden nach sich ziehen könnte. Ihm war es klar, daß der Widerstand gegen den geplanten Glaubenssatz durch ein solches Vorgehen sich seiner edelsten und darum wirksamsten Kraft beraubt habe.

In solcher Stimmung war es ihm Bedürfnis, ein Asyl aufsuchen zu können, wo man diese brennende Frage so gut wie gar nicht erörterte, wo reine, freie Heiterkeit mit mildem Strahle eine anmutige Häuslichkeit erhellte, und wo ihm selbst, wenigstens vorübergehend, das bedrückte Herz wieder leichter wurde.

Das war bei dem Maler Heinrich Quandt. Das Bild von den beiden Campagnolen-Jungen war vollendet und voll prächtiger, lebensvoller Frische, so daß der Prälat es aus freien Stücken mit einem ungewöhnlich hohen Preise bezahlt hatte, und der Künstler beabsichtigte nun, angeregt durch den Anblick in Tivoli, eine Bittprozession zu S. Maria zu malen, welche ihm Gelegenheit gab, die mannigfachen Typen des italienischen Volkes und zugleich seinen stimmungsvollen landschaftlichen Hintergrund anzubringen.

An einem trüben, unbehaglichen Tage war Frohwalt gegen Abend wieder bei dem Maler gewesen. Dieser und seine Frau hatten sich gewöhnt, ihn wie einen lieben Freund zu betrachten, und so luden sie ihn denn ein, das Abendbrot bei ihnen einzunehmen. Er folgte gern, und so saßen die drei Menschen in dem freundlichen Zimmer beisammen, welches an das Atelier grenzte. Der Raum war einfach, aber er zeigte überall in der Ausstattung, sowie in der Anordnung Geschmack. Die Witwe des Bildhauers, welcher das Häuschen gehörte, und die sich mit drei kleinen Stuben behalf, hatte manche Erinnerung an ihren verstorbenen Mann gerade hier aufgestellt, und Heinrich Quandt hatte gleichfalls mit verschiedenem zur Ausschmückung beigetragen, so daß das Zimmer wie ein trauliches Nestchen erschien. Am meisten aber ward es verschönt durch den Geist, welcher hier waltete.

Frohwalt mußte wiederholt an die anmutige Häuslichkeit Professor Holberts denken, aber hier gefiel es ihm beinahe noch besser. Es ging von der jungen, lebensfrohen Frau ein bebender, sonniger Schimmer aus, der den Raum, und alles, was in ihm war, freundlich verklärte, und vor dem die bösen Geister des Unmuts und der Verstimmung weichen mußten.