Er nahm sein bräunäugiges Schätzchen beim Kopfe und gab der errötenden einen Kuß, dann fuhr er gesprächig fort:

»Ja, ich habe sie kennen gelernt, als sie in Dresden bei Verwandten sich aufhielt, und sie that anfangs recht scheu, als ob sie mich gar nicht sehen und nicht ausstehen könnte; aber bei einem gemeinschaftlichen Ausflug in die sächsische Schweiz, im Uttenwalder Grunde, bin ich vom Gegenteil überzeugt worden in unwiderleglicher Weise, und nun habe ich den Sturm auf das Pfarrhaus im Gebirge unternommen. Dem Papa war's ja nicht ganz recht, daß ich katholisch und ein Maler noch obendrein war, aber sehen Sie, lieber Doktor, er ist ein zu prächtiger Mensch! Die Güte, Herzlichkeit und Menschenfreundlichkeit selber! ›Sei's denn, wenn Ihr Euch lieb habt,‹ sprach er, ›und der Herrgott gebe seinen Segen dazu. Nur eins bitte ich und wünsche, daß mein Kind nicht seinem evangelischen Bekenntnis untreu wird und daß es nicht um deswillen Bedrängnisse zu erleiden habe‹; das hab' ich versprochen, und redlich gehalten – nicht wahr Fritzel? – und wir sind wie brave, gute Kameraden neben einander hergegangen, und haben, wenn auch in andern Kirchen, so doch zu demselben himmlischen Vater, eins für das andere gebetet. Ach, das liebe Pfarrhaus! Das ist uns beiden so ans Herz gewachsen, daß wir uns schon nach dem nächsten Sommer sehnen, wo wir einige Wochen wieder dort zubringen wollen.«

Friederike sah mit leuchtendem Gesichte den Gatten an und hielt seine Hand in der ihren, Peter Frohwalt aber war es wunderlich zu Mute, und als der Maler jetzt schwieg, wußte er kaum, was er sagen sollte. Er suchte hinter einigen allgemeinen Redensarten, mit welchen er sich über das Angenehme eines solchen Landaufenthaltes bei lieben Angehörigen aussprach, über die Verlegenheit, in welche er geraten war, hinwegzukommen, und hielt sich auch nicht mehr lange in dem gastlichen Hause Quandts auf.

Er fühlte sich verstimmt auf dem Heimwege und konnte auch in seinem Gemache nicht das innere Gleichgewicht finden. Wie sollte er sich fürder zu dem Maler und seiner Frau stellen? – Sollte er seinen Verkehr bei ihnen ganz aufgeben? – Nach seinen bisherigen Grundsätzen hätte er es thun müssen. Er dachte an Freidank und sein erstes Weib, die protestantische Grethe, die man in seiner Heimat im Friedhofswinkel begraben hatte, und die doch so brav und gut gewesen sein sollte, und ihr Bild schwamm mit jenem Friederikens ihm in eins zusammen. Er mochte es aber nicht denken, daß man auch diese einmal zwischen Selbstmörder und Vagabunden betten könnte, und es war ihm, als wäre an Grethe Freidank seinerzeit ein schweres Unrecht verübt worden. Er versetzte sich im Geiste in das Empfinden seines jetzigen Schwagers, und er fühlte, wie er auch gegen diesen milder gestimmt wurde.

Auch an Professor Holbert mußte er denken und an das, was derselbe von der protestantischen Gattin eines seiner Freunde gesagt hatte: daß er trotz des Syllabus nicht glauben könne, daß ihr die Seligkeit versagt sein solle. Auch er hätte betreff Friederikens das nicht glauben mögen, und er zweifelte, ebenso wie Holbert, an der Richtigkeit jener päpstlichen Verfügung. Wenn er aber das Weib Quandts nicht verurteilen und verwerfen konnte, trotzdem er es erst kurze Zeit kannte, warum wollte er härter gegen die eigene Schwester sein, deren gutes, liebes, treues Wesen ihm seit seinen Jugendtagen so vertraut war?

Zuletzt war's ihm eine feste und beschlossene Sache, daß er in derselben herzlichen und freundlichen Weise wie bisher mit Quandts weiter verkehren wolle, und was ihn darin besonders bestärkte, war der Umstand, daß auch der Prälat Parelli, obwohl auch dieser zweifellos von dem evangelischen Bekenntnis Friederikens wußte, in liebenswürdigster Weise den Umgang mit dem Hause des deutschen Malers pflegte.

Wenige Tage nach dem Besuche bei Quandt war Frohwalt übrigens bei Parelli geladen – im engsten Kreise, wie es in der Einladung lautete, und er stand nicht an, derselben Folge zu leisten.

Er kannte diese prunkvollen Gemächer bereits, in denen Reichtum und Geschmack sich vereinigt hatten, aber wenn auch das Auge hier sich freute und die Phantasie sich angeregt fühlte, es fehlte doch jenes stimmungsvolle Behagen, wie im schlichten, deutschen Malerheim.

Auch die Tafel war reich besetzt und in jeder Weise trefflich, und Frohwalt hatte Gelegenheit, einige ihm ganz fremde ausgezeichnete Weinsorten kennen zu lernen, so daß für einen Feinschmecker an diesem Tische kaum etwas zu wünschen übrig gewesen wäre.

Seltsamer Weise aber mußte der deutsche Priester trotz des vielfach hervortretenden Gegensatzes an den Nedamitzer Pfarrer und sein ländliches Haus denken. Der Zinnkrug von dort war hier verwandelt in spiegelnde geschliffene Weinkaraffen, und an die Stelle Barbaras trat hier ein Weib in Seide, Flitterstaat und Juwelenschmuck.